Zeit haben.

Vor ein paar Tagen habe ich einen sehr interessanten Artikel auf Bernis Blog zeithaben.org gelesen. (leider gibt es den Blog nicht mehr)

Berni rechnet sehr plausibel vor, warum bereits eine Autofahrt bei 160 km/h erheblich (zeitlich) teuerer ist als eine mit 120 km/h. Der erhöhte Benzinbedarf für die 40 km/h schnellere Fahrt ist so teuer, dass man mindestens 32 Euro netto pro Stunde bzw. 9000 Euro brutto pro Monat verdienen müsste, damit sich die schnellere Fahrt tatsächlich zeitlich lohnt. Bernard bezieht sich dabei auf eine Fahrt mit einem BMW 535i Touring. Sehr spannend!

Der Punkt erinnert mich an die Diskussionen, die innerhalb einer Fluggesellschaft anlässlich der Frage stattfanden eine Überschallflugzeugroute von London (oder Paris?) nach New York einzuführen. Neil Postman schrieb dazu in „Die zweite Aufklärung„, dass die Manager sich überlegt hatten, was Menschen mit der zusätzlichen (Frei-)Zeit anfangen würden und ihre Schlußfolgerung war, dass die meisten sie wohl vor dem Fernseher verbringen würden. Also bauten die Manager in alle Flugzeuge ihrer Flotte Fernseher ein, statt Überschallflugzeuge zu kaufen. Höchstwahrscheinlich war der Grund wohl eher finanzieller Natur, dennoch ist Neil Postmans Interpretation interessant.

Bernhards Argumentation konsequent befolgend, sollte man sich nun für den eigenen Wagen und den eigenen Stundenverdienst eigene Geld-Zeit-Kosten für Reisegeschwindigkeit ausrechnen, um möglichst nicht wesentlich schneller (oder langsamer) zu fahren, als kostenoptimal.

Das Gedankenexperiemnt ließe sich noch weiter aufbohren, wenn man bedenkt, dass es ebenfalls energieeffizientere (niedrigtourig) und weniger energieeffiziente Fahrweisen gibt und es für jedes Auto in Abhängigkeit von Motor und Chassis eine optimale Fahrtgeschwindigkeiten gibt.

Abhängig von der Motorisierung liegt diese laut http://www.energie.ch/auto zwischen 50 und 120 km/h. In einem Bild unter der Rubrik „Fahrverhalten“ sind Kurve für unterschiedliche Motorleistungen dargestellt, die den Benzinverbrauch in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit angegeben. Die optimale Geschwindigkeit für einen 50 kW-Motor liegt ungefähr bei 65km/h und für einen 100 kW-Motor bei circa 90 km/h.

Ich finde gerade keine genau Quelle zur Treibstoffökomie des BMW 535i Touring. Jedenfalls hat der Wagen einen 200 kW-Motor. Denke ich mir eine analoge Kurve oberhalb der beiden Kurven für 50 bzw. 100 kW-Motoren, könnte man schätzen, dass die optimale Geschwindigkeit des BMW 535i Touring bei 110-120 km/h liegt. Den Bezinverbrauch für 120 km/h hat Berni bereits auf 10,5 Liter angegeben. Das passt ungefähr, da offenbar die Motoren pro 50 kW circa 2 Liter mehr pro 100 km verbrauchen. Es würde sich demnach auch aus energetischen Gründen anbieten mit einem BMW 535i Touring um 120 km/h zu fahren – nicht schneller und auch nicht langsamer.

Damit es nun nicht zu einem „wohlbegründetem“ Heizen in 30er-Zonen kommt wäre  mein spontaner Vorschlag, dass es für Stadt- und Autobahnfahrten einfach unterschiedliche Autos gibt. Ich hielte es eh für sinniger Innenstädte komplett für pivate Fahrzeuge zu sperren und dafür entsprechend mehr Optionen des öffentlichen Nahverkehrs und kleine Leihwagen anzubieten. Außnahmen wären freilich Transporte schweren Gewichts sowie Krankenwagen, Feuerwehr und Versorgungsfahrzeuge. Ich denke, dass würde sich auch positiv auf die durchschnittlichen Geschwindigkeit des Stadtverkehrs aufwirken.

 

Dieser Beitrag wurde unter Finanzielle Unabhängigkeit, Mobilität abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Kommentare zu Zeit haben.

  1. Enrico sagt:

    Bei 120km/h dürfte doch schon ein ziemlich großer Windwiderstand herrschen, so dass auch bei größer motorisierten Fahrzeugen die der optimale Verbrauch eher auch bei 60km/h als bei 120km/h liegen sollte. Der Luftwiderstand wächst quadratisch mit der Geschwindigkeit und die dafür benötigte Leistung in der dritten Potenz der Geschwindigkeit.

    Formel: P =(FRoll + FLuft) × v
    P = (Cr × m × g + A/2 × Cw × D × v2) × v
    P =Cr × m × g × v + A/2 × Cw × D × v3

    Die Formel ist noch nicht ganz vollständig. Die Verluste über den Antriebsstrang sind da noch nicht mit drin. (Frontantrieb ca. 15%) Und natürlich hat so ein Motor auch seinen optimalen Verbrauchspunkt. Daher immer mal wieder auf den Bordcomputer schauen.

  2. genughaben sagt:

    Jo, klar. Hast du recht. Sehe ich genauso. Laut der verwendeten Quelle scheinen jedoch Motoren mit höherer Leistung eine höhere energieoptimale Geschwindigkeit zu haben als Motoren mit kleinerer Leistung.
    Mir scheint das aber auch mehr so ne Hausnummer zu sein. Und auch darum ging es mir auch bei meiner Schätzung. Im Prinzip habe ich einfach ne Gerade durch die beiden Minima der Benzinverbrauchskurven gelegt und bin dann pro 50 kW Leistung einfach den vertikalen Abstand der beiden Minima nach oben gegangen. So kommt man etwa bei 110-120 km/h an. Zudem habe ich schon häufiger gelesen, dass optimale Geschwindigkeit im Interall 60-120 km/h liegen.
    Kann aber sehr gut sein, dass das für den BMW nicht die obere Grenze ist, obgleich der schon recht gut motorisiert ist. Ist vielleicht eher bei so 80-90 km/h. Ist aber auch nur eine Schätzung aus dem Bauch heraus. Letztlich müsste man sich mal reinsetzen, den höchsten Gang reinmachen und dann sehen bei welcher Geschwindigkeit man bei niedrigster Drehzahl ankommt.
    Letztlich hängt der konkrete Luftwiederstand so eines Fahrzeug auch am konkreten Chassis. Aber das ändert nichts an deinem Einwand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.