Leichte und schwere Probleme.

Unter den vielen Problemen, Herausforderungen und Entscheidungen usw. die uns im Laufe unseres Lebens begegnen, gibt es ganz grob gesagt zwei Typen:

  • leichte und
  • schwere

Der Hauptunterschied zwischen schweren und leichten Problemen ist der Profilverlauf der Verbesserungs- bzw. Erfolgskurve mit der Zeit. Das heißt, das Verhältnis zwischen geleistetem Aufwand und der dadurch wahrgenommenen erzielten Verbesserung ist unterschiedlich.

Leichte Probleme, Herausforderungen und Entscheidungen.

Bei leichten Problemen existiert ein positiver Zusammenhang zwischen Bemühung und Verbesserungen (siehe Bild 1). Jeder Aufwand schlägt sich direkt in einer Verbesserung nieder. Pro Einheit Aufwand gibt es eine Einheit Verbesserung.

Bild 1: Leichte Probleme.

Viele Brett- und Computerspiele bauen auf dem Prinzip des leichten Problems auf. Es muss nur selten viel Aufwand getrieben werden, um ein positives Ergebnis zu erzielen. Das ist wohl auch einer der Gründe, warum man spielsüchtig werden kann: man kann für sein Engagement (spielen) direkt Feedback erhalten (z.B. Punkte).

Insgesamt helfen die Möglichkeiten zum Konsum viele Probleme auf eine leichte Weise zu lösen. Habe ich Hunger, kann ich mir Essen kaufen, ist etwas kaputt, kann ich es neu anschaffen. Kurz: Ich nehme Geld in die Hand, zeige auf ein Produkt und bekomme es. So einfach ist das.

Bei Drogen ist es ebenso. Kaffee macht sofort wach, Rauchen ‚entspannt‘ sofort und Alkohol löst schnell Hemmungen oder Verspannungen.

Ich möchte leichte Probleme nicht generell verteufeln gleichzeitig halte ich es für relevant sich auch auf schwerer Probleme einzulassen. Man kann dieses Denken auch auf Wirtschaft und Gesellschaft übertragen. Sehr kurzfristige Lösungen, haben möglicherweise kurzfristig einen Nutzen, aber nicht auch immer dauerhaft.

Jegliche kurzfristige Handlung, die kurzfristig zu einer echten oder gefühlten Verbesserung führt hat das Profil eines leichten Problems. Unsere auf Kurzfristigkeit ausgelegte Wirtschaft, aber auch ein großer Teil des menschlichen Persönlichkeit ist auf das Lösen leichter Probleme ausgerichtet.

Eine Zwischenkategorie ist etwa sportliches Training. Laufen kostet zu Anfang etwas Überwindung (der Nutzen scheint durch die Anstrengung zunächst zu sinken), doch dann fällt es von mal zu mal immer leichter (sukzessive Verbesserung von Mal zu mal). Hat man ein bestimmtes Leistungsplateau erreicht, kann der Zusammenhang wieder etwas flacher werden, d.h. dass die Verbesserung nicht mehr so stark zunimmt und gar von Zeit zu Zeit abnimmt. Gutes Kung Fu zu erlernen oder den Schwerkampf zu meister gehört eher zu den schweren Problemen, da erst viele Jahre trainiert werden muss, um in den Genuss zu kommen sich Meister nennen zu dürfen.

Auch wenn das hier so klingt, sind nicht alle leichten Probleme und Wege partout schlecht, dennoch gibt es viele leichte Wegen mit Problemen umzugehen, die uns als Einzelne und auch als Gesellschaft auf die Dauer in Schwierigkeiten bringen werden: etwa der leichtfertige Umgang mit unwiederbringlichen fossilen Ressourcen. Es ist auch eher nötig über schwere Probleme zu sprechen, weil die Leichten eben leicht sind.

Schwere Probleme, Herausforderungen und Entscheidungen.

Schwere Probleme weisen zunächst für eine gewisse Zeit einen negativen Zusammenhang zwischen Aufwand und Ergebnis zwischen Bemühung und Verbesserung auf (siehe Bild 2). Eine Verbesserung wird erst deutlich später greifbar.

Bild 2: Schwere Probleme.

Abnehmen ist ein schweres Problem, den für den Aufwand wird man zunächst mit einem stärkeren Hungergefühl ‚entlohnt‘. Der positive Effekt: schlanker zu sein, sich wohler und leistungsfähiger zu fühlen tritt erst nach einer Verzögerung ein und noch später der Effekt längerfristiger Gesundheit.

Ebenso das Rauchen aufzugeben ist ein schweres Problem, denn es löst zunächst Entzugserscheinungen aus.

Geld zu sparen und zu investieren – um finanziell unabhängiger zu werden, um ein Startkapital für ein Business zusammen zu sparen oder sich einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen gehört ebenfalls in den Bereich der schweren Probleme.

Die Gründung eines Unternehmens ist ebenfalls meistens ein schweres Problem. Es muss zunächst mit Risiko, höherem Zeitaufwand und mit weniger Geld – eventuell sogar Schulden umgegangen werden. Die Entlohnung kommt ggf. erst nach vielen Jahren.

In einem Thema Experte zu werden, ein Musikinstrument zu erlernen, Kampfsportmeister oder Spitzensportler zu werden sind ebenfalls Herausforderungen, die von einem schwachen bis negativen Aufwands-Verbesserungs-Profile geprägt sind.

Der Umgang mit dem sich ankündigenden Klimawandel gehört ebenfalls zu den schweren Problemen. Sie sind besonders schwer, da möglicherweise die Menschen, die (jetzt!) den Aufwand tätigen müss(t)en zum Teil nichts mehr vom Ergebnis haben oder das zumindest glauben.

Die Energiewende ist ebenfalls ein schweres Problem. Es muss zunächst in neue Technologien investiert werden, es muss überlegt werden, wo heute unnötig Energie verbaucht wird, dann müssen die Verantwortlichen sich das eingestehen und vom Sockel des ‚Es ist mein gute Recht, dass mit dem Verbrauch X zu machen‘ – obwohl es auch mit dem geringeren Verbrauch Y geht – herunterkommen und vor allem dann wirklich loslegen.

Wie schon im letzten Beispiel angeklungen ist, ist ebenfalls der konstruktive Umgang mit (persönlichen) Fehlern und Charakterschwächen ein schweres Problem. Man muss sich und ggf. auch öffentlich eingestehen etwas nicht richtig gemacht zu haben und dann entsprechend – eventuell zunächst mit einen negativen Aufwands-Verbesserungsverhältnis – loslegen, um es besser zu machen.

Wir leben bedauerlicherweise in einer Gesellschaft, in der wir dazu verführt werden primär die leichten Wege zu gehen. Viel Werbung basiert auf der Vorstellung, dass alles einfach ist und immer noch einfacher wird. Die Gesellschaft trimmt sich regelrecht darauf leichte Probleme zu lösen bzw. Probleme so zu lösen, als wären sie leichte Probleme, was nicht auf ewig gut gehen kann: wie etwa der Umgang mit der letzten Finanzkrise und den sich aufgetürmten Schulden zeigt, die jetzt mit einer beispiellosen Geldflut und damit einer damit höchstwahrscheinlich angestrebten Inflation, statt mit einer Bilanzverkürzung (i.e. Schuldenschnitte) gelöst wird.

Es findet auch viel zu wenig Honorierung, Praxis und Übung zur Lösung schwieriger Probleme statt. Das ist nicht nur schade, um die (nachhaltigen) Verbesserungen, die uns dadurch entgehen, sondern auch wegen der uns entgehenden Ehre und tiefen Befriedigung, die die Lösung schweren Probleme mit sich bringt – ganz zu schweigen von dem verpassten Aufbau von Kompetenzen, die für ein unabhängiges und dauerhaft sichereres Leben unabdingbar sind.

Wer eine Grundkompetenz zur Lösung schwieriger Probleme entwickelt oder bereits darüber verfügt, dem wird es leichter fallen ein unabhängigereres und zufriedeneres Leben zu führen. Man wird sich sicherer, auch im Falle (zeitweise) ausfallender Versorgungen oder angesichts nicht änderbar schwieriger Aussichten dennoch eine Lösung zu finden. Das gibt Sicherheit und verändert das Empfinden in schwierigen Situationen: die Frustrationstoleranz, die Selbstsicherheit und das Vertrauen in die eigene Wirkmächtigkeit (also das Wissen darum etwas Ausrichten zu können) nimmt zu und damit wieder das Selbstvertrauen.

Jeder der etwas mit schweren Problemen auf Tuchfühlung gehen will, dem seien die die monatlichen Herausforderungen ans Herz gelegt. Ansonsten kann ich nur ermutigen sich auch im praktischen Alltag immer wieder dem ein oder anderen schweren Problem zu widmen: etwas NICHT zu essen, NICHT sofort zu kaufen, sondern nach Alternativen zu suchen und gespartes Geld in produktive Ressourcen zu investieren, auch, wenn diese sich ggf. erst (viel) später auszahlen mögen, eine Kampfsportart auszuüben, zu promovieren, eine Firma zu gründen, ein Buch zu schreiben oder sich mit persönlichem Schwächen auseinanderzusetzen – und dabei nicht locker zu lassen. Jeder der zumindest schon eine Ausbildung oder ein Studium gemacht hat, hat zumindest einen Eindruck davon, was das heißt: Es ist überdies sehr empfehlenswert sich mindestens einmal im Leben einem Problem zu stellen, dessen Lösung lang dauert.

Original veröffentlicht am: 1. Mrz 2012 @ 17:00. Überarbeitet am 14. Arpil 2016

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5 Kommentare zu Leichte und schwere Probleme.

  1. Berni sagt:

    Meist gibt es einen Trick, um die Anfangshürde eines schweren Problems zu mildern, indem man eine zusätzliche, meist künstliche, Belohnung hinzufügt. Beispielsweise kann jemand, der abnehmen möchte, das in einer Gruppe machen wo man gegenseitig dann stolz darauf ist, was die anderen so geschafft haben (der Verzicht beim Essen wird jetzt durch das Gruppengefühl kompensiert). In Politik und Wirtschaft müsste man ähnliche Mechanismen einführen, sodass die Leute, die den Erfolg der Lösung des schweren Problems hinter ihrem Lebenshorizont vermuten, auch jetzt schon etwas davon haben, diese zu lösen.

  2. genughaben sagt:

    Ja, eine Unterstützergruppe (support group) zu haben, kann gerade beim Abnehmen helfen. Vielleicht sind alle Verein eine support group mit Blick auf den Vereinszweck. Auch die Transition Towns helfen sich gegenseitig zu mehr Nachhaltigkeit und um gleichzeitig zu kontrollieren, ob man sich nicht verrennt bzw. kognitiver Dissonanz erliegt.
    Ich denke, es gebe viele mögliche Mechanismen Politiker in die richtige Richtung zu lenken, nur wirken die meiste Lobbyarbeit wohl leider in andere Richtungen. Wie wäre es z.B. die Gehälter der Politiker an bestimmte Erfolgsfaktoren (z.B. größere Angleichung der Einkommensniveaus oberhalb eines bestimmten Niveaus) oder eine Energiewende oder die Implementierung eines Systems, dass weniger Kranke produziert etc. pp. Dazu müssten Pläne entwickelt und verabschiedet werden, die legislaturperiodenübergreifend als Rahmen gelten müssten – natürlich mit Revisionsmöglichkeit und ohne zu detaillierte Anweisungen – immerhin wollen wir ja auch keinen reinen Planstaat.
    Wenn man sich schon einmal auf kommunaler Ebene zur Entwicklung und Ratifizierung von Energieabrüstungsplänen wie dem EDAP (Energy Desent Action Plan) z.B. aus Totnes (http://www.transitiontowntotnes.org/EDAPsofar) – aber auch aus anderen Orten und nicht nur in England – einigen könnte, wäre viel gewonnen. Hier sehe ich im Sinne Margret Mead Zitat („Never underestimate the ability of a small, dedicated group of people to change the world. Indeed, nothing else ever has.“) das Potential des einzelnen die Zukunft positive zu gestalten.

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  5. Martin Wehning sagt:

    Für das Thema wichtig finde ich noch den Begriff der „Zukunftsorientierung“. Häufig muss man auf kurze Zeit Nachteile in Kauf nehmen, damit man langfristig davon profitiert (Lernen, Investieren…)
    Ich finde es ein wichtiges pädagogisches Ziel, diese langfristige Orientierung bei Kindern anzuregen.
    Es ist gut, wenn schon Kinder lernen, für eine Weile auf bestimmte Dinge zu verzichten.
    Ich glaube, dass wir diese Tugenden unseren Kindern heute viel mehr nahebringen müssen. Die sofortige Befriedigung aller Bedürfnisse halte ich für einen schwerwiegenden Erziehungsfehler.

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