Freie Vorlesungen, Telekollegs und (M)OOCs ((Massive) Open Online Courses)

Schon seit langem interessiere ich mich für Vorlesungsmitschnitte.  Ich war aus Student nie der große Vorlesungsgänger… Ich habe in den letzten zwei Jahren des Studiums Buch geführt und war nur knapp 60% anwesend. Ich habe die Zeit immer lieber direkt mit dem Buch oder in einem kommunikativeren Lehr-Lern-Setting (Übung, Diskussion oder Einzelgespräch mit Prof) verbracht. Ich hatte das Glück, dass sowas wie Anwesenheitspflicht in meinen Studiengängen nicht existierte. Heute interessieren mich die Mitschnitte, um mich auch außerhalb des Lehrbetriebs der Uni noch in das ein oder andere Theme vertiefen zu können. Aktuell schaue ich mir von Zeit zu Zeit Vorlesungen zur Physischen Geographie auf dem Internet Multimedia Server der Universität Tübingen (google: timms) an. In der Vergangenheit habe ich dort mit Gewinn Vorlesungen zu Biochemie und Mathematik für Bioinformatiker gehört. Die Uni Hamburg bietet etwa auf dem Portal lecture2Go z.T. frei einsehbar Vorlesungen zu verschiedenen Themen zu anschauen an. Hier habe ich etwa einzelne Vorlesungen zum Themen „Kosten- und Leistungsrechnung“ angesehen.

Ein ähnliches Konzept wie die ersten Telekollegs (der erste wurde 1967 ausgestrahlt; z.B. BR bietet immer noch welche an) verfolgen viele im Speziellen auf reine Inhaltsvermittlung ausgerichtete sogenannte MOOCs (= Massiv Open Online Course). Vorlesungen und selbst zu bearbeitenede Aufgaben wurden damals über das Fernsehen und werden heute per Video über das Internet Interessierten zur Verfügung gestellt.

Bekannt geworden ist dieses Konzept z.B. durch die Vorlesung „Introduction to Artificial Intelligence“ der Stanford-Professoren  Sebastian Thrun und Peter Norvig. Thrun stammt aus Deutschland (Solingen) und hat sich nach dem Studium in Hildesheim bei Google einen Namen durch die Entwicklung autonom fahrender Autos gemacht. Peter Norvig arbeitete ebenfalls bei Google, bei der NASA usw. Ich habe den Kurs wie 160.000 weitere Menschen aus 190 Ländern teilgenommen. Abgeschlossen haben ihn endgültig sogar über 23.000 TeilnehmerInnen. Ich fand das ganze sehr interessant. Nach jeweils einem Inhaltsblock von 30 Sekunden – ein paar Minuten gab es jeweils ein Quiz. Ich habe jetzt schon Leute kritisieren gehört, dass die Fragen zu einfach wären. Nun, dass ist nur zu Anfang so. Und ich möchte beinahe behaupten, dass diejenigen, dann den Kurs nicht lange genug angesehen haben.

Gerade Deutschen scheint es fremd einfach zu beginnen. Ich selbst bin einmal 8 Monate in Großbritannien zur Schule gegangen und kann sagen, dass das gar nicht so schlecht ist. Im Mathematik-Unterricht mussten wir dort im Gegensatz zur Schule in Deutschland immer eine große Zahl einfacher Aufgaben lösen. Das diese Aufgaben schrittweise immer schwieriger wurden, führte das dazu, dass man ohne es zu merken irgendwann auch recht anspruchsvolle Aufgaben lösen konnte. Das habe ich insbesondere nach meiner Rückkehr nach Deutschland gemerkt, wo zumindest zu meiner Schulzeit (also bis zu den ersten 2000er Jahren) nur wenig praktische (Rechen-)Aufgaben gelöst wurden. Die Theorie-Erklärungen fand ich hingegen in Deutschland viel besser. Aber nun, statt diesen länderübergreifenden Bildungssysstemvergleich voranzutreiben zurück zu den MOOCs.

Sebastian Thrun hat mittlerweile Udacity gegründet. Es bietet eine Vielzahl an IT-orientierten Vorlesungen, aber auch solche zu Differentialgleichungen und Physik. Wem diese Fachrichtung nicht schmeckt, der schaue sich doch bitte Coursea an. Hier gibt es Vorlesungen zu vielen unterschiedlichen Bereichen. Bis zu einem geschlossenen Studiumscurriculum ist der Weg allerdings noch weit. Da ist Udacity für Informatik schon am weitesten. Zumindest sehe ich das so. Weitere Kursanbieter sind: EDx, das Harvard, MIT (Open Courses) und Berkeley. Im deutschen Sprachraum bot z.B. die Uni Frankfurt im Rahmen ihrer OPCOs (http://opco12.de/) Kurse an, die zudem auf mehr Kommunikation mit und unter den Studierenden setzte. Auch die Leuphana Universität Lüneburg plant ein Angebot.

Anzumerken wäre, dass die Kursabschlüsse am Ende – auch wenn die Dozenten z.T. in Harvard, Stanford oder am MIT lehren oder gelehrt haben zu keinen Scheinen bzw. Credit Points führen! Es geht hier als insgesamt mehr um die Freude an Inhalten oder den Nutzen vermittelter Fähigkeiten.

Ein bisschen schade ist (noch) die mangelnde Interaktionsmöglichkeit. Es gibt zwar auch dahingehende Versuche. Etwa Introduction to Sociology vom Princton Professor Mitchell Duneier. Zu schreibende Aufsätze mussten peer-reviewed werden. D.h. dass geschrieben Hausaufgaben von mehreren anderen Studierenden gelesen und bewertet werden mussten. Nun, die naheliegende Kritik daran ist, die wahrscheinlich suboptimale Bewertungsfähigkeit der Mitstudierenden. Allerdings – und das wird gerne vergessen – meine ich – ist diese auch bei Lehrenden nicht immer optimal. Es wäre vielleicht gar nicht mal uninteressant da eine systematische Studie zu zu machen. Und die Mitstudenten-Bewertungen mit denen der Lehrenden zu vergleichen… Desweiteren gab es per Skype Diskussionsrunden mit zufällig ausgewählten Studierenden. Allerdings sollen dabei wohl kaum Debatten, sondern mehr der Austausch von buzzwords stattgefunden haben. Ich kann das nicht beurteilen, denn ich habe die o.g. Beschreibung nur gehört und an dem Kurs selbst nicht teilgenommen.

Ich glaube, dass die Formate, mit denen z.Z. unter dem Titel (M)OOCs   experimentiert wird – gerade die Verbindung mit Aufgaben, die Möglichkeit peer-review assessment zu machen, aber auch die noch zu entdeckenden Kombinationen mit „klassischen“ eLearning-Techniken das Potential haben die universitäre Lehre ein Stück weit zu ergänzen und zu flexibilisieren. Wenn man ein, zwei Mal fehlt, ersetzt man eine Vorlesung eben durch ein Video usw. Gerade wenn man auch während der regulären Arbeitstätigkeit von Zeit zu Zeit noch etwas lernen möchte sind sie interessant. Ob sie zu einem vollwertigen Ersatz einer universitären Bildung reifen können, bezweifle ich. Nicht, weil online studieren (früher einfach nur fernstudieren) nicht funktioniert, sondern weil mir das Setting aus fester Studiengruppe und lehrenden Ansprechpartnern als notwendig für den Studienerfolg erscheint.

Wen das Geschäftsmodell von z.B. Udacity interessiert. Die Idee ist es per Learning Analytics Profile der Studierenden zu erstellen und diese dann nach Leistung mit großen Firmen in Verbindung zu bringen, die dann sozusagen eine head hunter Gebühr zahlen. Der eine mag Learning Analytics ganz furchtbar finden, der andere findet das vielleicht einen fairen Tausch gegen Vorlesungen, die sonst viel Geld kosten. Und sollte dabei ein guter Job herauspringen: warum nicht? Aber das ist auch nur meine Meinung. Ich kann die Befürchtungen, die sich aus immer weitergehenden Personendatenanalysen ergeben auch verstehen.

Ich denke, dass es vielleicht interessant wäre das (M)OOC – also ohne, dass die Kurse alle notwendigerweise (massive, also >150 Teilnehmer) sein müssen – eine interessante Ergänzung für Blended Learning Szenarien (Kombination aus eLearning und Präsenzlernen) ist. Auch, um mit Themen ingesamt wärmer zu werden, wäre es interessant. Der Nutzen für Kursanbieter wäre im ersten Fall ein attraktivereres Lehrangebot und im zweiten Fall Werbung.

Also, wenn ihr mögt schaut mal rein. Vielleicht findet ihr ja auch den einen oder anderen freien Kurs bei YouTube? Der ist dann vermutlich auch ohne Learning Analytics.

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