Perspektive – auf andere Mobilität

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„Freude“ am Fahren im Stadtverkehr.

Wo wir in diesem Artikel gerade bei Bildern waren, will ich heute einen weiteren Begriff aus der Optik entlehnen: die Perspektive.

Ich lese gerade, dass Seat Mii, Skoda Citigo und VW Up circa 3 Liter Benzin auf 100km verbrauchen. Ich denke einmal, dass wird allgemein als Fortschritt gewertet und klar, das ist viel besser als der Verbrauch anderer sparsamer Fahrzeuge, die 5-6 Liter verbrauchen und alle Mal sparsamer als die meisten Fahrzeuge auf der Straße, die im Stop-&-Go der Städte eher auf 10 Liter oder mehr pro 100km kommen.

Es wird ja immer wieder über das 1-Liter-Auto diskutiert. Der XL1 von VW kommt dem mit 1,94 Liter von VW von 2011 kommt dem wohl am nächsten, denke ich. Seit 2014 werden diese wohl sogar einer sehr geringen Stückzahl (200 Stück) gebaut und angeboten. Für über 100.000 EUR das Stück!

Tatsächlich existiert ein 1-Liter-Auto aber schon längst. Und zwar bereits seit 1959: es handelt sich dabei u den Opel T-1.

Mit 0,751 Liter schaffte es 100km. Wie wurde das geschafft? Sehr einfach: Gewicht, Luftwiderstand und Motorgröße reduzieren! Der Opel T-1 erreichte die 100km mit 0,751 Liter mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von knapp 49km/h. Wenn ihr euch das Modell anseht, sind im wesentlichen alle Elemente herausgenommen worden, die nicht absolut notwendig sind. Völlig klar: Der T-1 ist vielleicht wirklich nicht alltagstauglich, aber 100.000 EUR hat er bestimmt nicht gekostet. Ich frage mich daher: hat sich die Technik in den letzten 57 Jahren nur so wenig weiterentwickelt? Auf der Grundlage dessen, was wir heute mehr über Motoren (z. B. automatische Abschaltung bei Gefälle) und Materialien (Carbon, 3D-Druck), Koordination (Abstimmung der Autos untereinander durch das Internet und mit Hilfe von Verfahren des maschinellen Lernens) wissen und dem was wir schon 1959 wussten, müsste es doch möglich sein, ein bezahlbares alltagstaugliches 1-Liter-Auto zu bauen (*).

(*) Anmerkung: Die hier angegeben technischen Möglichkeiten habe ich nach 2 Minuten googlen gefunden: ich nehme an, dass jemand, der sich auskennt mehr finden dürfte.

Ich habe meine Zweifel, dass es daran liegt, dass es nicht geht – und zwar für deutlich unter 100.000 EUR, sondern eher zu Kosten des Seat Miis, Skoda Citigos des VW Ups.

Mein Eindruck ist viel mehr, dass die Perspektive radikal sparsam zu denken heute einfach immer noch keine Priorität hat – und das sieht man ja auch jeden Tag: die ganze Stadt ist vollgestopft mit ungenutzten Autos, vor allem SUVs und Geländewagen – wahrscheinlich für die ganzen Flüsse und unerschlossenen Gelände, die man in der Stadt durchqueren muss…

Solange es also wichtiger ist, sich in einem Job dafür abzumühen, dass man auch sein halbes Wohnzimmer mit sich herumfahren lassen kann, statt sich auf das Nötige für eine Fahrt von A nach B zu konzentrieren, wird es glaube ich nichts mit dem 1-Liter-Auto und so lange glaube ich auch nicht wirklich an das sapiens in homo sapiens.

Ich persönlich hoffe sehr, dass es in wenigen Jahren ein Netz unterschiedlicher selbstfahrender Fahrzeuge gibt, die man sich OnDemand mieten und bestellen kann, sodass die Zahl und Größe der Fahrzeuge nicht von Minderwertigkeitskomplexen, übersteigerten Sicherheits- und Komfort-„Bedürfnissen“ und Geltungslüsten (*) gesteuert wird, sondern von konkreten Transportbedürfnissen. Ein simpler Vorschlag dazu: jedes weitere zugelassene Auto in Großstädten kostet ab jetzt einfach jedes mal 10% mehr, während entsprechende Carsharing Initiativen um den gleichen Betrag gefördert werden. Und wer mir jetzt mit Freude am Fahren kommt, soll mir mal erklären, wann er die in der Innenstadt Hamburgs, Berlins oder Münchner das letzte mal (und bitte ehrlich!) empfunden haben soll.

(*) Sehr zu empfehlender Artikel: Was wir mit unseren Autos ausdrücken. [Erster Satz:] „Wer auf den Putz klopft, hat es meistens auch nötig„.

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