Wieso wir tun, was wir tun.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde viel psychologische Forschung betrieben, um zu ergründen wie sonst normale Menschen zu derartigen Gräueltaten fähig wurden und werden können.

Soziale Settings.

Ein berühmtes und verfilmtes Experiment ist das von Zimbardo in Stanford (1971): einige Studenten wurden im Experiment als Gefangene und andere als Gefängniswärter eingesetzt. Schon nach kurzer Zeit musste das Experiment aufgrund vollkommen überzogener und gewalttätiger Verhaltensweisen abgebrochen werden.
Wer nun denkt: „Das kann ja nur ein Ausrutscher sein!“, irrt. Die Welle beschreibtein ähnliches Experiment. 1967 behaupteten Schüler des Lehrers Ron Jones, als dieser vom Nationalsozialismus erzählte: „das kann bei uns nie und nimmer passieren“. Ron Jones veranstaltete darum ein Experiment mit seinen Schülern: ihnen wurden Rollen mit bestimmten Verhaltensweisen zugeordnet. Das Experiment war so „erfolgreich“, dass es trotz der Idee, es solle nur einen Tag laufen, selbstorganisiert durch die Schüler 5 Tage lief. Jones war höchst erschreckt davon, wie leicht und schnell sich seine Schüler manipulieren ließen. Er konnte die Welle schließlich nur dadurch beenden, dass er auf einer Versammlung den Schülern klar machte wie ähnlich ihr Verhalten dem der Nationalsozialisten in Deutschland sei.

So können sich Hierarchien und zu strenge Regelungen auswirken! Sie sind iederholbar.

Autorität.

Weitere berühmte Experimente zum Thema Autorität wurden von Milgram durchgeführt. Einer der Versuche lief so: eine Person wurde in einem Raum befragt. In einem weiteren Raum wurde eine Versuchsperson von einem Versuchsleiter angewiesen, der befragten Person immer dann einen Elektroschock zu verpassen, sofern die Antwort auf die Frage falsch war. Mit jeder falschen Antwort wurde die Dosis gesteigert.

Die Befragten fingen irgendwann an zu schreien. Aber der Versuchsleiter beharrte: „Der Befragte ist freiwillig hier, also geben sie ihm den nächst-stärkeren Elektroschock“. Würdest du das tun? Auch auf die Gefahr hin, dass eine Dosis den Befragten töten würde?
Bis zu 65% der Teilnehmer gaben den Todesschock für die Person im anderen Zimmer (es war nur geschauspielert, was die Versuchspersonen aber nicht wussten).

Der Glaube und das Vertrauen in die Autorität des Versuchsleiters war entscheidender, als die leidende Person.

Gruppendynamik.

Weitere aufschlussreiche Experimente wurden von Asch durchgeführt.
Ein Aufbau war folgender: Eine Versuchsperson sitzt zusammen mit weiteren vermeintlichen Versuchspersonen in einem Kreis. Ein Versuchsleiter zeigte eine Reihe von Bildern, die Striche zeigen. Die Länge eines Striches soll mit den Längen verschiedener anderer Striche verglichen werden. Bei einem der Vergleiche fragt der Versuchsleiter nun: „Sind diese Striche gleich lang?“ und die anderen vermeintlichen Versuchsteilnehmer heben ihre Hand – obwohl der eine Strich ganz offensichtlich nicht gleich lang ist. Würdest du nun deine Hand heben?
70 % der Versuchspersonen behaupteten die Striche wären gleichlang, obgleich sie das ganz offensichtlich nicht waren.

Allerdings aus verschiedenen Gründen: Zum Teil taten sie es, weil sie ihrer Wahrnehmung misstrauten und zum Teil, weil sie lieber zur Vermeidung von Dissonanz mit der Gruppe ihre eigene Meinung verleugneten.

So kann Gruppenzwang wirken!

Varianten.

Tatsächlich verläuft das Milgram-Experiment sofort anders, sobald man die Person, die den Schock bekommt, sieht. Auch die Beteuerungen eines Versuchsleiters, der Befragte habe bei falscher Antwort den stärkeren Schock verdient, wirken dann nicht mehr so entscheidungs-verursachend.
Sobald man im Asch-Experiment einen Kollaborateur dazu bekommt – also jemand, der bereit ist kundzutun, dass die beiden Striche nicht gleich lang sind, dann traut sich die eigentliche Versuchsperson auch seine Meinung öffentlich zu vertreten.

Hier könnt ihr die Durchführung von Asch’s Experiment ansehen:

Eine Frage.

Eine interessante Frage aus meiner Sicht wäre nun: was passiert, wenn man die Zahl der Falsch-Behauptenden erhöht? Ab wann traut sich die Versuchsperson trotz Kollaborateurs nicht mehr die eigene Sicht der Dinge zu äußern? Beziehungsweise, wie viele zusätzliche Kollaborateure bräuchte er dann, damit er es sich wieder traut? Wie viele Menschen braucht es in der Gesellschaft, damit eine Weltsicht nicht mehr als spinnerte Randidee angesehen wird, sondern als ernsthafte Alternative betrachtet wird? Wann war der Zeitpunkt erreicht, ab dem Umweltpolitik auf einmal als so ernstzunehmendes Thema empfunden wurde, dass sich so etwas wie die Grüne-Partei (*) gründete? Präziser: Wie vielen Leuten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung war das Thema wichtig, damit dies geschehen konnte und es auch Erfolg hatte? Und: ab wie viel Interessierenden in der Bevölkerung war Umweltpolitik auf einmal ein so wichtiges Thema, dass selbst alle anderen Parteien Elemente davon mit in ihre Politik aufnahmen (**)
Hier kommt das Konzept der kognitiven Dissonanz ins Spiel (darüber habe ich hier schon einmal geschrieben).

(*) Einmal ganz unabhängig von der Frage, ob die Grünen heute noch wirklich eine ökologische Partei sind.
(**) Einmal ganz unabhängig von der Frage wie ernstzunehmend diese Elemente und deren Verfolgung tatsächlich waren.

Was bedeutet das für uns?

Überträgt man diese Gedanken zu Autorität und Gruppenzwang auf andere Situationen, dann ist erkennbar wie wichtig direkte Beziehungen und direkte Beobachtungen der Auswirkungen des eigenen Verhaltens sind. In den hier genannten Beispielen waren das Elektroschocks, aber potentiell wäre auch z.B. der Gebrauch von Wegwerftüten oder Billigelektronik etc. in Verbindung mit den möglicherweise beeinflussten (Mit-)Menschen absolut vergleichbar. Die (Mit-)Menschen müssen dabei nicht unbedingt in der direkten Umgebung sein. Potentiell könnte auch das Kind in Afrika, dass aus Elektroschrott ohne Sicherheitsmaßnahmen die Metallanteile herausbrennt und durch die dabei freiwerdenden giftigen Gase seine Gesundheit gefährdet die Folgen unseres Handelns spüren. Natürlich sind auch wir selbst „Opfer“ unserer Entscheidungen, weil wir dann bald wieder Geld für das nächste elektronische Billigprodukt ausgeben „müssen“ und so dafür Geld verdienen müssen – immer wieder.

Unsere (globale) Art der Ökonomie ist häufig wie die Wand zwischen Versuchsperson und Befragten. Den Produkten oder auch den Aktien der Produkte-produzierenden Unternehmen ist das Leid, dass für ihre Erzeugung bzw. ihren Erfolg verursacht wurde nicht anzusehen. Ebenso wenig die Umweltverschmutzung. Auch den finanziellen Schaden, den wir uns durch unsere Konsumauswahl antun, haben wir selten voll im Blick.
Die Behauptung wir benötigten dringend immer mehr Wachstum und die Globalisierung und der Trend immer zum billigsten Preis (viel zu oft ungeachtet der Qualitätsverluste) sei „alternativlos“ ist wie die Ermahnung des autoritären Versuchsleiters. Ähnliches lässt sich von der Werbung behaupten, die neben versteckter Autorität zusätzlich noch mit unseren unbewussten Bedürfnissen „spielt“ (dazu in einem anderen Artikel mehr).

Die Lektion aus dem Experiment zum Gruppenzwang ist klar: Wenn wir anders als die anderen handeln wollen, dann brauchen wir Verbündete, welche uns helfen können. Nur die wenigsten stellen sich allein der Masse entgegen. Zu groß sind die innerlich empfundenen Dissonanzen. Zu groß ist die Angst vor Ausgrenzung oder anderen Repressalien.

Fazit.

Wir erleben tagtäglich in Situationen, in denen wir Entscheidungen treffen müssen, die mit denen im Experiment vergleichbar sind. Die Frage ist: Schenken wir der Autorität glauben? Glauben wir an das, was die Meisten tun?

Oder haben wir nur Angst davor nicht zu gehorchen oder „anders“ zu sein?
Gut möglich, dass das so ist.

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4 Kommentare zu Wieso wir tun, was wir tun.

  1. Enrico sagt:

    Autorität und Gehorsam sind leider sehr negativ besetzt, dabei sind sie für die Aufrechterhaltung des Friedens und Entwicklung einer Gesellschaft sehr nützlich. Wo jeder König sein will, herrscht das Chaos (Anarchie). Deshalb hat jeder Mensch seinen Platz in der Gesellschaft. Der eine ist Bettler, ein anderer ein Staatsmann. Ein Anderer befiehlt, sein Untergebener gehorcht.

    Wenn alle das Prinzip der Nächstenliebe verinnerlicht und den Neid verbannt haben, entsteht ein wundervolles Miteinander. Wenn aber der Vermögende seinen Untergebenen nicht den gerechten Lohn zahlt oder der Arbeiter neidvoll auf andere blickt, ist das gesellschaftliche Klima vergiftet.

    Der Sozialismus/Kommunismus ist abzulehnen, weil er gerade diese Klassenkämpfe mit all ihrem Leid fördert. Auch ist ein Versuch Gleichheit aller Menschen untereinander, der Weg in die Tyrannei. Also kehre ein jeder vor seiner Haustür. Wir brauchen wieder Frauen, die Frauen sein wollen, Männer die Männer sind und Autoritäten die nicht wanken, sondern Persönlichkeit haben.

    • genughaben sagt:

      Ich stimme mit dir darin überein, dass Autorität nicht immer negativ ist. Ich bin etwa der Meinung, dass in vielen wissenschaftlichen Bereichen „diskutiert“ wird, wo es nichts zu diskutieren gibt: gerade physikalische Gesetzmäßigkeiten sind nicht verhandelbar. Ganz anders sieht das in normativen Wissenschaften aus. Da sehe ich eher, dass wir zu wenig diskutieren und vor allem nicht handeln.
      Ich stimme auch mit dir darin überein, dass es hierzulande besser aussehen würde, wenn Prinzipien oder Tugenden wie Nächstenliebe oder auch Verantwortung wieder mehr gelten würden.
      Anarchie aber heißt nicht Chaos. Es heißt Abwesenheit von Herrschaft. Und fordert von jedem die Übernahme von Verantwortung.
      Ich stelle mir ein System mit kontextgebundenen Autoritäten vor. Jemand, der weiß am besten wie eine Tätigkeit zu tun ist, erklärt es anderen Gibt es mehrere, die Ahnung haben, sollte diese sich im Wege eines strukturierten Prozesses einigen. Manchmal hilft es, wenn jemand das letzte Wort hat. Das geht aber auch so, dass man zuvor festlegt, wer das sein soll. Und das könnte z.B. nach Kompetenz erfolgen und nicht danach wer am lautesten schreien kann.
      So wie Sozialismus und Kommunismus bislang umgesetzt wurden sind sie meiner Meinung nach auch abzulehnen. Andererseit fehlt es meiner Meinung nach in unserer Gesellschaft an Austausch. Wir nehmen unsere Mitmenschen außerhalt von Befehlskontexten (Arbeit im Unternehmen) offenbar nur noch als „Spielgefährten“ war (Sport, Videospiele, Kino o.ä.). Das finde ich bedauerlich, denn gerade direkt mit unseren nächsten könnten wir wohlorganisiert coole Dinge vollbringen. Letztlich entstehen so doch oft erfolgreiche Unternehmen. In unserer Gesellschaft aber – so scheint mir – sind die meisten so kindlich-angepasst, dass sie in der Freizeit gar nichts zu tun wissen außer zu reden oder zu konsumieren. Das ist meiner Meinung nach einer der Gründe für die fatale Situation, in die wir uns hineinmanövrieren. Das kaum noch jemand echte Verantwortung übernimmt und übernehmen kann. Daher wäre mir ein kollektiveres Vorgehen im Kleinen Maßstabd schon lieber. Die Zergliederung und Fokussierung auf den eigenen Vorteil, der ja der heilige Gral in unserer Gesellschaft ist, schadet letztlich auch denen, die den Wohlstand vermehren wollen: wenn jeder in einer Firma sich immer nur fragt, was er für sich tun kann und nicht mehr danach fragt, was er für die Firma tun könnte, dann wird es dem Unternehmen weniger gut gehen, als dies möglich wäre.
      Es muss aber auch niemanden wundern, dass immer mehr Menschen nur noch an sich denken: die Unternehmen denken ja auch nur an sich. Es fehlt Verantwortung auf allen Ebenen.

      Gehorsam mit Verständnis und gehorsam gegenüber verantwortungsbewussten kontextgebundenen, kompetenzlegitimierten Autoritäten gegebenüber, von mir aus, ja. Aber so losgelost aus jedem Kontext, einfach so: absolut nein.
      Gerade weil hier im Grunde alle so gehorsam sind, schaffen es einige wenige (das berühmte 1%) die große Masse (die berühmten 99%) zu verarschen: frei nach HG Butzko: „Wenn du auf Pferde wettest und verliest, ist das dein Pech. Wenn Banken auf irgendeinen Scheiß wetten und verlieren, dann ist das .. dein Pech. Merkst du den Unterschied“.
      Und der Punkt ist: auf Dauer tun wir nicht einmal dem 1% der Bevölkerung einen Gefallen damit in allem Still zu halten. Denn unsere kollektive ausbeuterische Haltung dem Planeten und den Menschen gegenüber – die daraus resulitert, dass wir im Prinzip für nichts und niemanden mehr Verantwortung übernehmen (wollen und können) – die wir freiwillig mitmachen, wird auf längere (und ich befürchte so lange wird das nicht mehr sein, wenn es nicht mehr kapieren) dazu führen, dass unsere schöne Zivisation untergeht. Wer schon einmal ein paar Kapitel von Jared Diamonds „Kollaps“ gelesen hat, weiß, warum ich das meine. Und was fehlt sind: Beziehungen und Verantwortung. Verantwortung uns, unseren Mitmenschen und unserer Erde gegenüber. Wir werden sehen, ob wir unserer Speziesbezeichung – homo sapiens – wirklich gerecht werden. Und ich denke, dass hängt von jedem von uns ab.

  2. Karla sagt:

    Die interessanten Fragen zum Versuch von Asch sind doch längst beantwortet. Leider wurde der Versuch hier auch nicht ganz richtig wiedergegeben. Der Wikipedia-Artikel dazu ist sehr aufschlussreich.

    • genughaben sagt:

      Danke für deinen Kommentar, Karla. Ich kann im benannten Artikel keine Zahl zum Verhältnis finden. Wie hoch ist das Verhältnis genau? 5%,10%, 20%? Im Wikipedia-Artikel steht nur, dass die Konformität mit „Gegner“-Gruppengröße höher wird. Das ist mir nicht quantitativ genug. Verändert sich das Verhältnis, wenn die Gesamtpersonenzahl immer größer wird? Hast du da noch eine Quelle?
      In meiner Experimentbeschreibung habe ich mich bewusst auf das konzentriert, was ich als Kerngedanken des Experimentes empfinde. Welcher Aspekt fehlt deiner Meinung nach, um ein Grundverständnis der Idee hinter dem Versuch, des Versuchaufbaus und des Ergebnisses zu erhalten?

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