Was ist und was soll diese „Gewaltfreie Kommunikation“ eigentlich?

Die Giraffe ist das Symboltier für die Gewaltfreie Kommunikation.

Die Giraffe ist das Symboltier für die Gewaltfreie Kommunikation. Quelle: Wikipedia; Artikel: Gewaltfreie Kommunikation.

Als ich die Bezeichung „Gewaltfreie Kommunikation“ (GfK) das erste mal gehört habe, war ich recht skeptisch. Aufgrund laienhaften Interesses bin ich ein wenig mit den Konzepten der Transaktionsanalyse, der klientenzentrierten Psychotherapie oder dem Kommunikationsmodell von Schulz von Thun vertraut. Diese Konzepte selbst erschienen mir bereits für die Praxis vereinfachte Anlehnungen an psychotherapeutische Konzepte (wie etwa der Psychanalyse o.ä.) zu sein.

Nicht, dass man mit all den benannten Konzepte nicht letztlich auch das friedvolle menschliche Miteinander im Sinn hat, aber trotzdem erschien mir die GfK zunächst als weichgespült und  esoterisch. Aber ich sollte mich irren.

Ich bekam eine Audioversion des Buches Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens des Begründers Marshall B. Rosenberg geschenkt und der Groschen fiel bereits, als Rosenberg erklärte, dass der Zusatz „gewaltfreie“ im Sinne Mohandas Karamchand Ghandis Konzept der Gewaltlosigkeit zu verstehen ist. Rosenberg erläuterte, dass die GfK im Grunde besser als empathische Kommunikation bezeichnet werden solle. Später lernte ich noch, dass die GfK in der Tat auf der klientenzentrierten Psychotherapie aufbaut, sie diese aber eben um Ideen M. K. Ghandis erweitert. Das ist insbesondere bedeutsam, da – obgleich viele Friedensnobelpreisträger sich auf Gandhi beziehen – Ghandis Strategien zur Konfliktlösung ganz im Gegensatz zu den konfrontativen Konflikttheorien (z.B. die Schellings) kaum Beachtung im Diskurs der Konfliktforschung finden.

Ghandis Konfliktverständnis

Ghandi versteht Konflikte mehr als das Ergebnis des gegenseitigen Missverstehens der gegenseitigen Bedürfnisse und weniger als eine tatsächliche unverrückbare Differenz zweier Parteien. So meint dann auch Rosenberg, dass es viel mehr darum gehen könnte, die eigenen wie die fremden Bedürfnisse zu erkennen, die zu bestimmten Gefühlen führen und damit zu Angriff oder Rückzug in der Kommunikation führen könnten, um Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen bzw. sie erfolgreich – d.h. im Sinne aller Beteiligter – zu lösen.

Lebensentfremdende vs. empathische Kommunikation

Ein zentrale Rolle in der GfK spielt die Empathie (=Mitgefühl). Rosenberg geht davon aus, dass die Form, in der wir  miteinander kommunizieren einen entscheidenden Einfluß darauf hat, ob wir Empathie für unseren Gesprächspartner entwickeln oder nicht und das davon abhängt wie erfolgreich wir im Gespräch aufeinander eingehen können und somit unser aller Leben gegenseitig bereichern können oder nicht.

Rosenberg unterscheidet hierbei zwei Formen der Kommunikation:

  • die lebensentfremdende Kommunikation („Wolfskommunikation“ n. Rosenberg)
  • die empathische Kommunikation („Giraffenkommunikation“ n. Rosenberg)

Lebensentfremde Kommunikation erwächst (1) aus der Bewertung bzw. Verurteilung des Gegenübers, (2) der Verleugnung der eigenen Verantwortung für eigene Gefühle und Bedürfnisse sowie (3) dem Aussprechen von Forderungen anstelle von Bitten.

Ein Grundmodell der GfK: Beobachten, Fühlen, Bedürfnis und Bitten.

Die Konzepte der GfK soll empathische Kommunikation ermöglichen helfen. Was mit der GfK möglich ist bringt Rosenbergs Zitat auf den Punkt:

Stell dir vor, es ist Streit und keiner verliert. … Geht das? Die eigenen Interessen durchsetzen, ohne andere zu verletzen? Die eigenen Bedürfnisse befriedigen, ohne andere zu schädigen? Grenzen setzen, ohne Gewalt anzuwenden? Immer mehr Menschen glauben, dass das möglich ist, und trainieren deshalb »Gewaltfreie Kommunikation« (GfK).“ Marshall B. Rosenberg.

Um dieses Ziel zu erreichen bietet uns die GfK (u.a.) einen vierteiligen praktischen Prozess an. Dieser besteht aus den  Phasen: Beobachten, Fühlen, Bedürfnis und Bitten.

  1.  Beobachten: Was beobachte ich genau jetzt? (*) Was sehe oder höre ich?
    • Wichtig ist es hier Beobachtung und Bewertung strikt trennen zu lernen. „X hat etwas mich beleidigt.“ ist eine Bewertung.
    • Wenn ich Bewertungen habe, dann beobachte ich eben meine eigene Bewertung. „Als ich das und das von X gehört haben, kam mir der Gedanke „das kränkt mich“. Das ist eine Beobachtung.
  2. Fühlen. Was fühle ich genau jetzt? (*)
    • Wichtig ist es zu lernen, was genau eigentlich Gefühle sind. Ein Gefühl ist etwas, dass aus mir allein kommt.
    • „Ich fühle mich ausgenutzt.“ etwa ist keine Gefühlsäußerung. „ausgenutzt fühlen“ ist eine als Gefühl getarnte Bewertung („ausgenutzt sein“) – also eine Form lebensentfremdender Kommunikation.
    • Ein Gefühl ist z.B. Trauer, Angst oder Wut.
  3. Bedürfnis. Welches meiner Bedürfnisse ist jetzt unerfüllt?
    • Das Gefühl, dass ich gegenwärtig verspüre ergibt sich aus den Bedürfnissen, die gegenwärtig erfüllt bzw. unerfüllt sind.
    • Wenn ich festgestellt habe, was genau ich fühle, ist der nächste Schritt also festzustellen, welches unerfüllten Bedürfnisse zu meinen aktuellen Gefühl führt.
    • Bedürfnisse sind allgemeine Qualitäten wie Nähe, Verständnis oder Sicherheit, die wir vermutlich mit allen Menschen gemein haben.
    • Die gefühlsauslösenden Bedürfnisse zu erkennen ist wichtig, um die Selbstverantwortung zu erkennen und um eine Lösung möglicherweise unter in jedem Fall freiwilliger Beteiligung anderern zu finden.
  4. Bitten. Was brauche ich jetzt?
    • Habe ich erkannt, welches meiner Bedürfnisse gegenwärtig unerfüllt ist, so kann ich mich selbst oder aber andere um Dinge bitten. Was könnte ich selbst oder was könnte jemand anders tun, damit ich bekomme, was ich brauche, um mein Bedürfnis zu erfüllen und mich so wieder gut zu fühlen?
    • Die Form der Bitte ist wichtig. Fordern wir, driften wir in die lebensentfremdende Kommunikation ab.

Eine Anwendung des Grundmodells findet ihr u.a. hier auf Wikipedia.

Die GfK – wie wahrscheinlich fast alle Kommunikation – macht situativ (wenn sie sich also auf den gegenwärtigen Augenblick bezieht) am meisten Sinn. Die objektive Kommunikation über vergangene Situationen ist insgesamt schwierig zu betrachten, da unsere Erinnerungen eigentlich immer subjektiv und damit ungenau und somit selten deckungsgleich mit denen des Gegenübers sind, weil sie stark im eigenen Sinne verfärbt sind (bzw. sein können) – und so leicht zu Bewertungen zu unseren Gunsten führen können – z.B. aus Gründen, die ich hier beschrieben habe. D.h. aber nicht, dass man nicht auch über Vergangenes sprechen kann: wir können unsere gegenwärtigen Wahrnehmungen unserer Erinnerungen in uns als Beobachtung auffassen.

Die gewaltfreie oder einfühlsame Kommunikation von Marshall B. Rosenberg bietet u.a. mit dem beschrieben Prozess eine Methode an, mit dem wir in Konflikten unsere gegenseitigen Gedanken nicht als Interpretationen und Urteile abtun, sondern als Beobachtungen fassen und die Situationen mit dem Gegenüber partnerschaftlich durch einen empathischen Prozess gemeinsam durchgehen und prüfen können und damit Gefühlsblockaden lösen oder gar nicht erst aufkommen lassen können.

Übertragung auf gesellschaftliche Konflikte

Bei der Betrachtung gesellschafticher Konflikte spielt meiner Meinung nach das zugrundeliegende Konfliktmodell eine wichtige Rolle: Geht es z.B. in einem Kindergartenstreit um ein Spielzeug wirklich um ein Spielzeug? Wie sieht es mit Erwachsenenkonflikten aus? Was wenn die meisten – oder gar alle – Konflikte sich nicht anhand eines so klaren Interessenkonfliktes entfalten, sondern sich durch ein gegenseitiges Mißverständnis von Beobachtungen, Gefühlen, Bedürfnissen als Interpretationen, Verurteilungen und Forderungen ergeben?

Ghandis Leben und auch Rosenbergs praktische Erfahrungen sprechen dafür. Rosenberg, arbeitet Jahrzehnte erfolgreich als Mediator in vielen Krisenregionen – mit Kindern und Erwachsenen, Schülern und Lehrern, Polizisten und Gangstern.

GfK-Trainer, Ausbildung, Kurse.

Über die Jahre hat Rosenberg viele Menschen in GfK ausgebildet – und es gibt heute viele GfK-Trainer, bei denen wir GfK lernen können. Einer davon ist Markus Asano, bei dem ich im letzten Jahr einen Kurs zur Selbstkommunikation (Das Leben in die Hand nehmen) gemacht habe. Dort habe ich gelernt, dass der o.g. Prozess zwar ein sehr zentrales Element der GfK ist, aber lange nicht das einzige Element. Ich kann jedem empfehlen zumindest einmal einen Einführungskurs zu besuchen, um festzustellen, was damit anzufangen ist.

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4 Kommentare zu Was ist und was soll diese „Gewaltfreie Kommunikation“ eigentlich?

  1. Ilona sagt:

    Toller Artikel! Ich freue mich schon auf den Workshop!!!

  2. Herm sagt:

    „Aufgrund laienhaften bin ich ein“

    laienhaften was?

    super artikel fränkiboy!

  3. Herm sagt:

    Zu Gandhi, hat ne Freundin von mir diesen Wissenschaftler empfohlen.
    Gene Sharp.
    Der hat ne Conflict Resolution Logik auf Gandhis Ideen aufgebaut.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Making_Europe_Unconquerable

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