Genug haben

20.04.2026

Gedanken über Besitz, Konsum, Minimalismus und die Frage, was wirklich genug ist.

Zufrieden sein ist große Kunst,
zufrieden scheinen bloßer Dunst,
zufrieden werden großes Glück,
zufrieden bleiben Meisterstück.

— Volkskalender für 1846, hrsg. von Karl Steffens

Jeder Mensch will zufrieden sein. Gleichzeitig wird Zufriedenheit oft mit materiellem Wohlstand gleichgesetzt. Je mehr wir haben, desto wohlhabender und zufriedener sind wir. Aber stimmt das?

So habe ich es als Kind der 90er gelernt. Es gab nicht so viele coole Gadgets, Filme, Serien und digitale Möglichkeiten wie heute, aber keinen Mangel. 

Das Internet war neu, aufregend, aber auch leer: es dauerte 1994 minutenlang, bis ein Bild auf der Seite der NASA geladen wurde. Und so viel mehr gab es da auch (noch) nicht. Ich habe mich mit Demo-CDs von Spielen und Software unterhalten, die mit Zeitungen kamen. Ansonsten gab es z. B. öffentliche Bücherhallen, in denen ich mich nachmittags herumdrückte. Musik auf CDs oder Videos auf Videokassetten zu kaufen war zu teuer.

Wir waren nicht reich, aber auch keinesfalls arm. Das Haus, in dem ich mit zwei Geschwistern aufwuchs, hatte 90 Quadratmeter. Klein war es mir nie vorgekommen. Und es kam mir voll vor: Wir hatten ein Auto, Fahrräder, Werkzeuge, Küchenmaschinen, Kosmetik - die buchstäblichen 10.000 Gegenstände, vielleicht mehr.

Das hatte aber auch Nebenwirkungen: Einem Teil meiner Familie war Maßhalten und Vorsorge wichtig. Einem anderen das Leben im Hier und Jetzt unbeschwert von Zahlen und vom Denken an morgen. Das führte zu übermäßigem Konsum, zu Schulden und immer wieder zu Konflikten.

Irgendwie hatten wir Glück und es ist für uns größtenteils gut gegangen. Ich habe aber gelernt: Geld ist wichtig und viel davon auszugeben ist mit Risiken verbunden.

So war es nur passend, dass ich mir, als junger Absolvent, der noch wenig verdiente, die Ideen des Minimalismus, des Early Retirement Extreme und der finanziellen Unabhängigkeit zu eigen machte - und mich vom schnöden Konsum abwendete. So dachte ich damals.

Ich habe hier 2011 unter dieser Domain schon einmal einen Text mit dem gleichen Titel veröffentlicht.  Zu dem Zeitpunkt lebte ich minimalistisch mit meiner damaligen Freundin auf 15 Quadratmeter in einem Zimmer mit einem gemeinsamen Besitz, der in einen Kombi passte.

So habe ich damals einen Text geschrieben, der Minimalismus predigte.

Doch mit der Zeit kam es anders. Durch neue und immer mehr Arbeit konnte ich mir auch mehr Konsum leisten. Neue Ideen führten zu neuen Projekten und Hobbys und das zu mehr Anschaffungen - Impulskäufen inklusive.

Ich denke, ich habe ähnlich wie jemand, der regelmäßig etwas zu viel isst und so langsam dicker geworden ist, regelmäßig etwas zu viel konsumiert. Es sind zu viele Dinge, zu viele Optionen und zu viel Pflegeaufwand geworden.

Beim Aufräumen fällt mir auf, dass ich von den tausenden Gegenständen in meinem Haushalt nur wenige regelmäßig brauche. Diverse finde ich sinnvoll, obwohl ich sie nur ein paar Mal im Jahr zur Hand nehme. Bei vielen fällt mir jedoch erst beim Aufräumen überhaupt auf, dass ich sie besitze.

All das musste ausgesucht, gekauft und bezahlt, transportiert, benutzt, gereinigt, verstaut, aufgeräumt und muss irgendwann wieder entsorgt werden.

Begrenzt sind aber vor allem zwei Dinge. Unser Geld und noch wichtiger: unsere Lebenszeit. Deshalb will ich reduzieren und wieder mehr Kontrolle über beides gewinnen.

Hinzugekommen sind in den letzten Jahren auch: Jobunsicherheit, Inflation und Krisen. Und für mich auch neu: älter werden.

Alles zusammen bringt mich zu den Ideen des Minimalismus zurück: wenn auch nicht mehr ganz so schwarz-weiß.

Dabei geht es mir nicht um eine pauschale Abwertung des Materiellen. Das greift zu kurz. Besitz hat weitere Dimensionen: er ist nicht nur Plunder, der verwaltet werden muss und Kosten verursacht: er repräsentiert nicht nur unseren aktuellen Bedarf, sondern auch einen Teil unserer Identität. 

Manches habe ich aus vergangener Begeisterung, z. B. Werkzeuge oder Instrumente zu Hobbys, aus denen nichts wurde. Ich mag mich davon nicht trennen, weil mich schon der Gedanke beseelt, dass es noch im Schrank liegt. Anderes löst Scham über ein vermeintliches Versagen aus, weshalb ich es lieber meide. Auch wenn ein Aussortieren oder Verkauf wohl hilfreich wäre.

Anderes habe ich noch aus Sentimentalität: z. B. Kleidung, die mir nicht mehr passt, oder die mir nicht mehr steht, mich aber an eine andere Zeit oder andere Menschen aus meinem früheren Leben erinnert.

Manche Dinge habe ich mir auch schlicht angeschafft, um bei einem Trend mit dabei zu sein oder um mit Bekannten, Freunden oder öffentlichen Figuren mitzuziehen. Oder weil ich dachte, dass es zu deren und zu meinem Lebensstil gehört.

Was kann im Angesicht dessen „genug haben“ heißen?

Diese Konflikte will ich für mich sichtbarer machen und meine Überlegungen, Ansichten und Experimente dazu teilen.

Mich interessiert, was und wie viel genau mir guttut, und ab wann weniger mein Leben einfacher und zufriedener macht.

Mir geht es nicht um Verzicht, also darum, mir etwas zu versagen, was ich eigentlich will und auch nicht allein um Genügsamkeit, also um Zufriedenheit mit dem, was ich aktuell habe, sondern “genug haben”. Haben, was ich brauche, behalten, was mir Freude macht und allen anderen Ballast loswerden.

Ich denke, weniger Besitz heißt nicht automatisch weniger Zufriedenheit. Weniger Besitz kann mehr Übersicht, Ruhe und Entscheidungsspielräume bringen - für uns, für andere und den Rest der Welt.