Formen von Kapital

P. Bourdieu. Quelle: Wikipedia

„There are ecologies without economies. But there are no economies without ecologies.“ – Rhamis Kent

Optimieren statt maximieren – Permakultur-Prinzip

Kapital – der Begriff polarisiert. Weil einige so viel finanzielles Kapital und die meisten gar nichts haben. Erst kürzlich stand in der Presse, dass die 8 reichsten Menschen so viel Besitz hätten wir die ärmere 50% der Weltbevölkerung. Wer das hört, der mag Kapital und Wirtschaft gleich ganz abschaffen wollen. Vielleicht führt aber eine differenziertere Betrachtung dessen, was Kapital alles sein kann jedoch dazu, dass wirtschaftliche Prinzipien nicht allein eingesetzt werden müssen, um finanzielles Kapital zu maximieren, sondern einen Ausgleich zwischen verschiedenen Kapitalformen zu finden. Damit sind wir im Thema.

Formen von Kapital

Unser Verständnis des Kapitalbegriffs ist hauptsächlich von der ökonomischen und finanziellen Dimension geprägt: unter Kapital versteht man in der Regel Geld, Waren oder Produktionsmittel wie Maschinen. Dabei heißt es im Oxford American Lexikon unter Kapital: „Wohlstand in Form von Geld oder anderem Vermögen“ und „eine bestimmte Art wertvoller Ressource“. Es kann also auch um anderes Vermögen gehen. Der Kultursoziologe Pierre Bourdieu meint, Kapital habe viele Erscheinungsformen und der Austausch zwischen Menschen sei nicht allein auf den Warenaustausch beschränkt. Er sieht im Kapital jede Ressource, die Menschen zur Erreichung ihrer Ziele zur Verfügung haben.

Was wäre nun, wenn wir den Kapitalbegriff entsprechend weiter fassen? Es gibt neben finanziellen Kapital auch:

  • individuelles Kapital: gesundheitliches, emotionales, intellektuelles, spirituelles, zeitliches und Erfahrungskapital,
  • kulturelles Kapital: Wissen, Bildung, Charakterbildung, Abschlüsse,
  • soziales Kapital: Beziehungen, politische Strukturen und auch den Besitz Dritter, auf den wir zugreifen können,
  • symbolisches Kapital: wie Prestige oder Ruhm sowie
  • ökologisches Kapital: lebendiges Kapital: Pflanzen, Tiere, Pilze und Erde und lebloses Kapital: Land, Holz, Stein, alle weiteren fossilen und natürlichen Ressourcen)

In unserem kulturellen Paradigma steht das finanzielle Kapital häufig im Vordergrund – zu unrecht! Um wahren Wohlstand, Unabhängigkeit und Zufriedenheit zu erlangen, muss man auf mehr als nur Geld Acht geben. Alle Formen des Kapitals sollten gewürdigt und richtig verwendet werden, denn mit allen diesen Formen des Kapitals kann man sowohl ordentlich umgehen und gut haushalten oder Misswirtschaft betreiben. Optimieren wir stattdessen, so können wir einen Ausgleich erreichen und dafür sogen, dass wir in allen Bereichen im grünen Bereich sind.

Wie Bourdieu schon schreibt, kann man Kapital für den Einsatz von Zielen einsetzen:

  • Durch Einsatz unseres intellektuellen Kapitals können wir lernen und damit unser Wissen mehren, unsere Bildung verbessern und auch einen Abschluss erlangen. Später können wir dieses Wissen einsetzen, um damit Geld zu verdienen oder Erfahrungen zu machen und sind wir gut, in dem, was wir tun, so kann uns das schließlich Prestige einbringen.
  • Wir können unsere Zeit und unsere Erfahrungen einsetzen und diese mit anderen teilen und so Freundschaften aufbauen und damit unser soziales Kapital mehren.
  • Wir können natürliches Kapital wie Erde und Pflanzen einsetzen, um Nahrung anzubauen.

Es ist möglich, die verschiedenen Formen von Kapital sinnvoll wie auch unsinnvoll einzusetzen, um unsere Ziele zu erreichen. Dabei kann es sich reduzieren, erhalten oder mehren.

Bewirkt eine Betrachtung unseres Lebens in verschiedenen Kapitalformen zwingend die vielbeschworene Ökonomisierung und Ausbeutung aller Lebensbereiche? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir sehen lernen, dass auch unser individuelles, kulturelles, soziales, symbolisches und ökologisches Kapital von echtem Wert ist und wichtig ist, so sehen wir, dass wir davon keines in beliebigem Maße für ein anderes opfern können, ohne Schaden zu erleiden. Manches mag allgemein oder zumindest manchen wichtiger sein als anderen: Gesundheit dürfte wahrscheinlich für jeden einen hohen Stellenwert genießen. Bei Prestige oder auch Geldvermögen mag das unterschiedlich aussehen.

Problematisch ist es, wenn wir zu eindimensional handeln und übertreiben. Wenn wir – wie es heute nicht selten als Ideal dargestellt wird – unsere ganze Zeit, Intelligenz, Bildung, Kraft und Gesundheit einsetzen, nur um Geld zu verdienen, so wird automatisch z.B. unser soziales Kapital leiden und höchstwahrscheinlich auch unser gemeinsames ökologisches Kapital. Wenn wir es total übertreiben, so werden wir auch unser individuelles Kapital ausbeuten und sukzessive „Schulden“ anhäufen, die zu Anfang noch leicht, dann aber immer schwerer zu tilgen sind: diese Schulden nehmen erst die Form einer milden Erschöpfung, dann einer schweren Erschöpfung, gefolgt von Burnout und schließlich ernster werdenden organischen Erkrankungen an. Umgekehrt, kann es aber auch passieren, dass, wenn wir nur noch mit Freunden abhängen und dabei eine gute Zeit haben, wir langsam finanziell in Schwierigkeiten geraten oder gar unser individuelles Kapital nicht pflegen und verlottern. Man kann also in jedem Bereich übertreiben, selbst im ökologischen: würden wir uns nur um die Natur kümmern, würde es uns nicht lange gut ergehen – wobei wir von einem solchen Ungleichgewicht eher weit entfernt sind.  Die Formen des Kapitals hängen zusammen. Sind sind voneinander abhängig. D.h. man kann nicht das eine grenzenlos vermehren, ohne dass andere Formen geringer werden und umgekehrt.

Jede dauerhafte Übertreibung beim Aufbau einer Kapitalform führt automatisch zur Verringerung einer anderen: sie lassen sich nicht alle gleichzeitig maximieren. Sehr wohl aber optimieren, d.h. in ein gegenseitiges Gleichgewicht bringen.

Im Artikel „Sparsamkeit ist nicht gleich Entbehrung“ beschreibe ich das Prinzip der ökonomischen Effizienz. In Kürze besagt es, dass ich mit einer Menge zur Verfügung stehender Mittel eine bestimmte Menge von Gut 1 und Gut 2 produzieren kann. Möchte ich nun doch mehr Gut 1, haben, kann ich das sehr wohl produzieren. Aber ich muss dann gleichzeitig auch eine verkleinerte produzierte Menge Gut 2 akzeptieren. Übertreibe ich, kann es sein, dass ich am Ende nur Gut 1 und gar nichts von Gut 2 habe.

Übertragen wir das jetzt auf unser Leben, so stehen uns verschiedene Formen von Mitteln – hier als Formen von Kapital bezeichnet – zur Verfügung. In unserem kulturellen Paradigma steht das finanzielle Kapital häufig im Vordergrund – zu unrecht! Um wahren Wohlstand, Unabhängigkeit und Zufriedenheit zu erlangen, muss man auf mehr als nur Geld Acht geben. Alle Formen des Kapitals sollten adäquat gewürdigt und richtig verwendet werden, denn mit allen diesen Formen des Kapitals kann man sowohl ordentlich umgehen und gut haushalten oder Misswirtschaft betreiben. Optimieren wir stattdessen, so können wir einen Ausgleich erreichen und dafür sorgen, dass wir in allen Bereichen im grünen Bereich sind.

Wenn wir uns bewusst machen, dass wir mit allen unseren Handlungen unsere verschiedenen Formen von Vermögen beeinflussen, so erkennen wir vielleicht, was von dem, was wir alltäglich tun, tatsächlich mit unserer persönlichen Kapitaloptimierungsstrategie im Einklang steht – und was nicht.

Ein Klassiker ist für mich: Ziel. Eine Strecke von 10km zurücklegen.

  1. Auto => spart Zeit, kostet aber viel Geld und ich bin nicht Herr meiner Zeit
  2. Bahn fahren => spart Zeit, kostet aber Geld, immerhin bin ich aber Herr meiner Zeit
  3. Fahrrad => manchmal ist man langsamer, oft aber spart man in Wahrheit hier Zeit, kostet am wenigsten, ich tue etwas für meine Gesundheit (individuelles Kapital) und für meine Ausgeglichenheit (emotionales Kapital), außerdem bringt es mir bei manchem Prestige ein (so mancher findet es beeindruckend, dass ich 10 oder sogar 20km Fahrrad fahre) und ich wirke weniger negativ auf unser gemeinsames ökologisches Kapital und das wirkt wieder positiv auf mein emotionales Kapital.

Klar, dass ich so oft wie möglich das Fahrrad nehme und am seltensten das Auto.

Alles in allem hilft mir Betrachtung in Kapitalformen dabei mich daran zu erinnern, dass ich es mit wertvollen Dingen in meinem Leben zu tun habe. Vielleicht hilft euch das ja auch!

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