Die Mittelschicht aus archäologischer Sicht

Ich bin diese Woche auf ein interessantes Buch gestoßen, zudem auch eine Reihe von Kurzvideos gehört. Es geht, um das Buch Life at Home in the Twenty-First Century: 32 Families Open Their Doors von Jeanne E. Arnold. Leider ist es nur auf Englisch verfügbar, aber das Buch lebt von den vielen Bildern.

Kurzbeschreibung

Das Buch handelt vom Leben der amerikanischen Mittelschicht aus archäologischer Sicht. Viele der gewonnenen Erkenntnisse lassen sich meiner Meinung nach aber 1:1 auf europäische Familien übertragen. Vieles kam mir bekannt vor. Die gezogenen Schlüsse aber nicht unbedingt. Für das Buch haben Ethnoarchäologen sich das Leben von 32 amerikanischen Familien angeschaut und so analysiert, als handelte es sich dabei um eine archäologische Untersuchung. In den Videos findet ihr Auszüge aus dem Inhalt. Weiter unten habe ich 2 Dinge hervorgehoben, die ich im Buch interessant fand und zu jedem Video ein paar Aspekte herausgegriffen, die ich bemerkenswert fand und was ich daraus für Schlüsse ziehe.

Ich bin gespannt auf eure Meinung zu dem Thema!

Hier die Videos.

Trailer

Teil 1: Sachen

Teil 2: Lebensmittel

Teil 3: Wohnräume

Zum Buch

Im Buch wird bilderreich das moderne Mittelschichtsleben untersucht. Es wird dargestellt, wofür die Familien ihre Zeit einsetzen und wie sich durch die Besitztümer, ihre Anordnung und die finanziellen Investitionen in die unterschiedlichen Räume die Werte, Wünsche und Vorstellungen widerspiegeln. Die Außenperspektive ist augenöffnend.

Zwei Sache aus dem Buch

Nicht im Video, sondern im Buch sieht man, dass es in US-Haushalten offenbar viel mehr persönliche und Familienbilder gibt. Das habe ich für meinen Teil so in europäischen Haushalten selten erlebt. Ebenfalls ist es interessant, die Häuser im „natürlichen Zustand zu sehen. Hier bekommt man die meisten Wohnungen ja erst dann zu sehen, wenn sie aufgeräumt wurden. Was sich u.a. nicht in den Videos findet ist die Feststellung, dass offenbar die Toleranz für Unordnung der Bewohner eines Haushaltes oft an der Kühlschranktür zu erkennen ist: je stärker die Kühlschranktür vollgehängt ist, also mit Gutscheinen, Kinderbildern, Postkarte, Magneten, Bons etc., umso größer war die Toleranz für Unordnung. Also, wenn ihr irgendwann mal wieder irgendwo eingeladen seit und den Kühlschrank seht, wisst ihr wie stark man sich auf euren Besuch vorbereitet hat – oder nicht 🙂

Zu den Videos

Das ist, was ich interessant fand, was sich auch in den Videos findet.

  1. Zum Video Sachen. Das moderne Haushalte regelmäßig 10.000 und mehr Gegenstände umfassen ist ja nicht neu, auch nicht, dass das erheblich mehr ist, als z.B. noch vor 30 Jahren. Dass, das aber zu einem großen Teil Spielsachen sind, und dass sich in den US-Haushalten 40% der weltweit verfügbaren Spielsachen befinden, fand ich schon enorm. Spielsachen – häufig nicht nur die der Kinder, sondern auch der Eltern bestimmen das häusliche Erscheinungsbild. und erwecken damit eine kindliche Stimmung. Viele Spielsachen werden aus nostalgischen Gründen aufgehoben. Auch jeder Erwachsener befindet sich so ständig in der Vergangenheit und der (eigenen) Kindheit. Ob eine Gesellschaft so erwachsen sein kann, frage ich mich. Auch interessante und bedenklich fand ich, dass sich die häufige Unordnung in einem dauerhaft gesteigertem Level von Stresshormonen bei denen auswirkt, die sich für die Ordnung Zuhause verantwortlich fühlen – das ist immer noch meist die Frau. Ein weiteres Argument dafür den eigenen Bestand zu überdenken.
  2. Zum Video Lebensmittel. Ich habe ja schon häufiger gehört wie groß die Packungsgrößen in den USA sind. Darin unterscheiden sich Deutschland, vielleicht auch Europa von den USA – oder nicht? Das nicht selten der neue sparsame Kühlschrank nicht wirklich für Einsparungen sorgt, habe ich schon oft beobachtet: der alte Kühlschrank kommt einfach in den Keller oder die Garage und wird auch voll gefüllt. Das sich das sowohl auch Kosten, als auch auf die Gesundheit (Fertiggerichte, Fett, Zucker, Salz) auswirkt, kann man sich einfach vorstellen. Es ist aber auch verständlich: wenn – wie dargestellt – in einer Mittelschichtsfamilie beide Elternteile voll arbeiten müssen, damit es finanziell klappt – nicht selten mit zwei Jobs, dann ist es klar, dass für Einkaufen etc. nur wenig Zeit bleibt, und, wenn man dann nur alle 1-2 Wochen einkaufen geht: dann werden es automatisch große Packungen. Und, wenn man dann nicht so viel Lust auf ein bestimmtes Gericht hat und dann von jeder zweiten Großpackung immer etwas übrig bleibt, stehen irgendwann zwei Kühlschränke, Eisschränke und Regale voll.
  3. Zum Video Wohnräume. Diesen Teil fand ich am interessantesten. Besonders die Beschreibung und Interpretationen der Raumeinrichtung war für mich augenöffnend. Wenn die Küche i.d.R. der hauptsächliche Aufenthaltsraum ist, das Kommandozentrum des Hauses sozusagen, warum ist sie dann nicht normalerweise viel größer? Klar, dass wird bei so manchen Neubau und vielleicht auch nicht seit gestern berücksichtigt, aber oft, sind Küchen auch verhältnismäßig klein, z.B. bei uns Zuhause: wir sind in der Tat nur sehr selten in unserem Wohnraum. Trotzdem die Küche so klein ist, sind wir dort nach dem Schlafzimmer Zuhause am häufigsten. Eigentlich sollten die Räume genau die umgekehrten Größenverhältnisse aufweisen. Das wäre logisch. Ich will das jedenfalls für eine zukünftige Behausung berücksichtigen. Auch ist das Badezimmer häufig viel zu klein, gerade, wenn man bedenkt, dass dort morgen jeder aus einem Haushalt einmal rein muss. Eine weitere interessante Beobachtungen ist, dass die Schlafzimmer oft einen repräsentativen Charakter habe und – neben dem privatem Badezimmer – wenn es denn vorhanden ist, sehr kostspielig und wie ein Spa gestaltet sind. Das Schlafzimmer ist der Rückzugsort der Eltern, dort hat man Ruhe und i.d.R. weniger Unordnung. Mir bewusst zu machen, dass das Bedürfnis sich etwas Gutes zu tun sehr leicht in hohen sehr hohen Ausgaben resultieren kann, war für mich bemerkenswert. Ich werde mir versuchen das für die Zukunft zu merken und mich entweder im vollen Bewusstsein dafür, aus heutiger Sicht, aber lieber gegen zu hohe Ausgaben zu entscheiden.

Ich finde, dass Life at Home in the Twenty-First Century: 32 Families Open Their Doorseine gute Lektüre war und sich auch als Geschenk gut eignet ggf. Diskussionen mit inbegriffen 🙂

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