Der Tisch meiner Tante

Dieser Artikel liest sich wie ein verehrendes, künstlerisches Stilleben an die Einfachheit. Er ist aus der Feder (na gut: Tastatur) von Martin Wehning von dem ihr hier schon ein paar Text zu lesen bekommen habt (z.B. hier und hier). Spaß und anregende Gedanken wünsche ich euch!

Als Kind war ich in den Ferien oft bei Verwandten auf dem Bauernhof. Der Großteil des Drinnenlebens spielte sich in der recht großen Küche ab. Hier wurde gekocht, gebacken, eingemacht, gequatscht, gelesen und ein Nickerchen gemacht. Der Küchentisch war riesig, besonders als ich noch kleiner war. Zu Erntezeiten saßen hier ein gutes Dutzend Leute auf der Küchenbank oder den Stühlen, die von nebenan dazu geholt wurden.

Eigentlich ein ziemlich nichtssagender Tisch: Massiv gebaut, grob in der Ausführung, dunkel gehalten und mit vier schlichten Beinen. Ich weiß nicht, wie alt der Tisch war, ich vermute mal aus den 30er Jahren. Eine Tischdecke gab es für diesen Tisch meines Wissens nicht. Dafür wies er unzählige Gebrauchsspuren auf. Da war der Abdruck eines Bügeleisens, das einmal zu lange auf der Platte gelassen wurde, an der Tischkante hatte ein Junge mal sein Schnitzmesser ausprobiert und seine Kerben hinterlassen.

Klar, er hatte dafür Ärger bekommen, aber die Idee, den Tisch zu ersetzen, wäre niemandem gekommen. Auch sonst war er voller Flecken, Schlieren und Macken, die sich in den Jahren und Jahrzehnten einfanden und ihn unvergleichlich machten. Schön war er nicht, dieser Tisch.

Und wenn hoher Besuch wie etwa der Pastor kam, wäre dieser niemals an diesen gebeten worden. Dafür gab es die „gute Stube“, die nur an Festtagen betreten wurde und eigentümlich roch.

Meine Tante wusste und weiß bis heute mit Begriffen wie „Design“ oder „Wohnkultur“ nichts anzufangen. Wenn man ihr davon erzählen würde, so hielte sie dies vermutlich für die etwas wunderlichen Ideen von Städtern, die „wohl sonst keine Sorgen haben“.

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Ein Kommentar zu Der Tisch meiner Tante

  1. Martin Wehning sagt:

    Ich habe- mündlich- kritische Nachfragen zum Artikel bekommen, die ich gerne mit Euch teilen möchte, um meinen Standpunkt besser zu erklären.

    1. Was hast Du gegen Design an sich, was ist daran verwerflich?
    2. Wieso bist Du so rückwärtsgewandt, denkst Du, früher war alles besser?

    zu 1. Ich finde es gut, wenn Menschen sich überlegen, mit welchen Dingen sie sich umgeben, auch, wenn sie aktiv die Dinge gestalten, mit denen sie leben. Dazu gehört sicher auch ein gutes/ ein schönes Design. Aber kritisch sehe ich, dass es häufig Produktwechsel bei vielen Dingen gibt, die sich nur aus dem Design heraus erklären. (Die neueste Mode bei Klamotten, Handys, Autos…) Das hat m.E. wenig mit sinnvollen Kaufentscheidungen zu tun.
    Der Satz: „Damals hatte man das so“ ist da sehr entlarvend. Das heisst meistens, dass die Leute nicht überlegt haben, was sie für sich brauchen, sondern, was gerade Mainstream ist. Ich finde, das spricht oft nicht für die individuelle, gut überlegte Entscheidung.

    zu 2. Ich will die Vergangenheit keineswegs schönreden. Ich möchte auch nicht z.B. lieber in den 60er Jahren gelebt haben.
    Das hat aber eher mit den sozialen und kulturellen Vorstellungen damals zu tun (insgesamt eher eng und miefig). Materiell behaupte ich jedoch, dass die Menschen dort im Wesentlichen hatten, was man so benötigt (vielleicht abgesehen von Computer und Handy, die ich nicht missen möchte).

    Mein Traum und meine Vision ist eine Gesellschaft, die einen reifen, reflektierten Umgang mit knappen Ressourcen hat und nicht den 13 jährigen Teenager zum Vorbild, der sich unter Gruppendruck das gleiche Handy kauft, weil die anderen in der Klasse das auch alle haben.
    Was bitte, soll daran erstrebenswert sein??

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