Permakultur-Prinzipien und Pädagogik

Liebe Leute,

zum vorläufigen Abschluss der Permakultur-Reihe – anbei noch ein weiterer Gastbeitrag von Martin Wehning zum Thema Permakultur und Pädagogik. Im gestrigen Artikel hat Martin sich in seiner Beschreibung insbesondere auf die Anwendung permakulturellen Denkens auf die Pädagogik konzentriert. Heute stellt er anhand eines weiteren Prinzips direkt Parallelen zwischen der gärtnerischen und der erzieherischen Anwendung der Permakultur dar.

Viel Spaß beim Lesen!

Permakultur und Pädagogik.

Vor kurzem habe ich Frank einen Gastbeitrag zugeschickt [der gestern veröffentlich wurde, Anm. von Frank] , der sich mit der Umsetzung einiger Permakultur-Prinzipien in der Erziehung von Kindern auseinandersetzt. Letztlich geht es bei beiden Themen um den Umgang mit komplexen Problemen. Diese weisen bestimmte Gemeinsamkeiten, Muster auf, die zu kennen sehr nützlich sind. Die systemische Beratung von Familien beruht also auf ähnlichen Grundgedanken wie die Gestaltung eines Gartens nach Permakultur-Prinzipien.

Nun bat mich Frank, einmal konkreter anhand einiger Gestaltungsprinzipien den Zusammenhang zwischen Pädagogik und Permakultur zu verdeutlichen. Da ich von Beruf Sozialarbeiter bin, und – wenn auch vor ziemlich langer Zeit 😉 – einmal eine Ausbildung als Gärtner gemacht habe, liegen mir beide Themen am Herzen und möchte ich gerne versuchen, Franks Bitte nachzukommen.

Verwendet wurden einige Gestaltungsprinzip nach Holmgren (Link zu Wikipedia).

Beobachten und Interagieren

Gerade, wenn man ein komplexes System (also z.B. einen Garten, ein Kind) nicht gut kennt, tut man gut daran, sich Zeit zu nehmen und sehr genau zu beobachten und versuchen zu verstehen, bevor man konkret handelt.

Bestimmte Äußerungen geben uns Informationen, die wir zunächst gut einordnen müssen, bevor wir hierauf handelnd reagieren.

„Unkraut“  auf dem Beet z.B. gibt uns wichtige Hinweise zur Bodenstruktur, dem Nährstoffgehalt, den Lichtverhältnissen, den angrenzenden Kulturen. Daher der Begriff „Zeigerpflanzen“ im Bio- Gartenbau. Die Frage ist auch, welche positiven Einflüsse das spezielle Unkraut für das Beet haben kann (Mulchfunktion, Bodengesundung, Bodengare, Vorbeugung von Erosion…) und wie man diese Vorteile für das Gesamtsystem nutzbar machen kann.

Da ich lange in einer Wohngruppe für Kinder und Jugendliche gearbeitet habe, hier zum Vergleich Fragen, die man sich bei aggressivem Verhalten von Kindern stellen sollte:

Was zeigt uns das Kind mit seiner Wut, was können wir positiv daraus lernen?

Sind die gezeigten Gefühle womöglich ein ganz gesundes Signal auf absolut krankmachende Umstände (Eltern, die sich nicht kümmern (können), Personalmangel in der Gruppe), so dass die Bedürfnisse des Kindes nicht ausreichend gewürdigt werden?

Übernehmen die aggressiven Kinder vielleicht für andere Kinder unbewusst wichtige Aufgaben (etwa, dass sie die Pädagogen durch Provokationen zwingen, „ihr wahres Gesicht“ zu zeigen? Dies ist ein ganz normaler Prozess in der Jugendhilfe. Wir sagen dann immer: Die Kinder testen uns.)

Verwende kleine und langsame Lösungen

Was vielleicht aus dem Gesagten schon deutlich wird: Komplexe Systeme sind-  ähemm, komplex, es gibt keine Patentrezepte und keine einfachen Lösungen. Immer geht es auch um eine Suchhaltung, um ein Nicht-zu-schnell-alles-verstehen-wollen, um ein Ausprobieren und aus Fehlern lernen. Ich finde ja, ein gesunder Mut zum Pfuschen gehört auch dazu! 

Mit dem Begriff „Interagieren“ [aus Abschnitt 1] ist genau das gemeint. Es geht darum, in Beziehung zu gehen, sich  mit Herzblut „dem System“ zu widmen und die eigenen Interventionen gut zu analysieren. Ihr werdet feststellen, dass es oft genau die schwierigen Stellen im Garten, die auffälligen Kinder sind, die Euch beschäftigen und wo erst durch das angestrengte Arbeiten haltbare und tragfähige  Bindungen entstehen.

Gar nicht so selten kommt es vor, dass einer sorgfältigen Analyse ein Nichthandeln folgt. Dies ist aber so ziemlich das Gegenteil von Gleichgültigkeit . Es ist eher ein Verständnis, dass mit aktionistischen Reaktionen auch eine Menge Porzellan zerschlagen werden kann. Die Devise hier: Langsamer geht schneller.

Dies nur  einige angerissene Aspekte. Ich bin sehr dankbar für Rückmeldungen und Gedanken, werde mich demnächst mit der Frage der „Systemränder“ beschäftigen.

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