Die Robinsonwirtschaft.

Robinson Crusoe und Freitag auf einem Gemälde von Carl Offterdinger (1829-89)

Robinson Crusoe und Freitag auf einem Gemälde von Carl Offterdinger (1829-89) (Quelle: Wikipedia; Artikel: Robinson Crusoe)

Um Grundlagen der Wirtschaft in Einführungsveranstaltungen an Universitäten verständlich zu machen wird häufig das Beispiel der Romanfigur Robinson Crusoe herangezogen, die einst auf einer tropischen Insel strandete. Anhand dieses Beispiel wird illustriert, dass die ökonomischen Prinzipien sogar dann noch gelten, wenn es nur um eine einzelne Person geht. Diese Prinzipien sind so fundamental, dass sie jeder kennen sollte.

Fangen wir an. Gerade auf der Insel angekommen sammelt Robinson Beeren. Angenommen, er kann 10 Beeren pro Stunde sammeln und er braucht 80 Beeren am Tag, um zu überleben. Er muss also 8 Stunden am Tag arbeiten, um zu überleben, weil er genau diese Zeit braucht, um die 80 Beeren zu sammeln. Robinson könnte also jeden Tag 8 Stunden arbeiten und dann den Rest des Tages freinehmen. Oder er kann weiterarbeiten. Angenommen, er entscheidet sich, 10 statt 8 Stunden zu arbeiten. Er kann so also 100 Beeren am Tag sammeln. Er könnte sie alle auf einmal essen und so zunehmen oder 20 für den nächsten Tag aufbewahren (nehmen wir mal an, das hätte denselben Effekt). Wenn Robinson mehrere Tage hintereinander 10 Stunden arbeitet und die Beeren nicht aufisst (bzw. zunimmt), so vermehren sich die gesammelten Beeren in seinem Besitz (bzw. das Fett an seinem Bauch) um 20 Beeren pro Tag. Nach vier Tagen hat er 80 Beeren Überschuss – genug für einen ganzen Tag. Diese Beeren sind seine Ersparnisse oder seine Notreserve. Wenn er krank wird, wird er nicht sofort verhungern. Hätte er keine Reserve, so müsste er sofort hungern, wenn er einmal einen Tag nicht arbeiten kann. Zwei Dinge lassen sich hieraus ableiten.

  • 1. Erarbeite dir mehr, als du verbrauchst – im Falle Robinson Crusoes: sammele mehr Beeren, als du essen musst.
  • 2. Spare genug für Notfälle. Nun nehmen wir an, Robinson werde immer nur maximal für einen Tag krank.

Wird er weiter 10 Stunden arbeiten, wird er weiterhin 100 Beeren pro Tag sammeln, 80 davon essen und hat somit eine Sparrate von 20%. Nach vier Tagen hat er also entweder: Ersparnisse genug für einen weiteren Tag. Er kann jetzt entweder:

  • Möglichkeit 1: Einen Tag freinehmen. Oder:
  • Möglichkeit 2: Den Tag nutzen, um sich einen Beeren-Kescher zu bauen: er knüpft sich ein Sammelnetz aus holzigen Schlingpflanzen und befestigt es an einem Stab.

Beobachtung:  Durch Ersparnisse hat man Möglichkeiten. Robinson hat die Möglichkeit, zwischen alternativen Optionen zu wählen! Ohne Ersparnisse müsste Robinson mindestens 8 Stunden pro Tag Beeren sammeln, um zu überleben. Mit den Ersparnissen kann er nun auch andere Dinge tun.

Nimmt er sich frei, kann er zwar einen schönen Tag am Strand verbringen – aber mit dem Beeren-Kescher kann er nun nicht nur 10, sondern 15 Beeren pro Stunde sammeln. Man kann sagen, dass Robinson durch die Wahl von Möglichkeit 2 die Ersparnis von 80 Beeren in den Beeren-Kescher investiert hat. Jetzt kann er in 8 Stunden 120 und in 10 Stunden sogar 150 Beeren sammeln. Nehmen wir an, Robinson bleibt bei seinem 10-Stunden-Tag. Sein Einkommen hat sich durch die Investition nun um 50% gesteigert. Eine weitere Regel ist:

  • 3. Gebe nicht alle Beeren (oder Geld) für Freizeit aus, sondern investiere einen Teil davon, um deine Einnahmen auf lange Sicht zu steigern.

In diesem Fall hat Robinson natürlich alle seine Ersparnisse investiert. Etwas, dass ich nur unterstützen kann. Nach einiger Zeit verfügt Robinson über eine ganze Reihe Beeren-Kescher und ertrinkt förmlich in Beeren. Er kann seinen Tag jetzt leicht auf 6 Stunden pro Tag reduzieren, weil er mit einem Beeren-Kescher in 6 Stunden bereits 90 Beeren sammeln kann, die nicht nur für sein überleben ausreichen, sondern gleichzeitig seine Ersparnisse weiter anwachsen lassen. Würde er stattdessen weiter 8 oder gar 10 Stunden arbeiten, könnte er sich nach und nach sogar mehrere Tage freinehmen und ggf. bessere Beeren-Kescher bauen, um seine Ernte noch zu verbessern. Alternativ könnte er Stecklinge von Beerenpflanzen näher zusammenpflanzen, um seine Erntedauer zu erhöhen oder er könnte Pfeil und Bogen für die Jagd nach Tieren oder eine Angel für Fisch bauen. Indem er sich die Möglichkeit verschafft, Tiere oder Fische zu jagen bzw. zu fangen kann er seinen Lebensstandard steigern. Nehmen wir an, Robinson arbeitet weiter hart und findet irgendwann eine Möglichkeit, Feuer zu machen, findet Zeit, sich eine Hütte und ein kleines Boot zu bauen. Nun lebt er froh und zufrieden und muss trotzdem nur wenige Stunden pro Tag arbeiten. Der zentrale Punkt ist: Robinson hat seine ersten Ersparnisse verwendet, um auf lange Sicht seinen Lebensstandard zu verbessern. Hätte er sofort alle Beeren aufgegessen und weniger hart gearbeitet oder sich frei genommen, müsste er noch immer 8 Stunden pro Tag arbeiten und hätte immer noch nur Beeren zu essen.

Natürlich funktioniert unsere Zeit etwas anders. Wir verwenden Geld statt Beeren und in vielen Fällen investieren wir Geld nicht direkt in unsere eigenen Erfindungen, Ideen und Geschäfte, sondern in Firmen, indem wir Aktien oder Anleihen etc. kaufen und die Firma investiert dann in Assets („Beeren-Kescher“), macht so höhere Gewinne und gibt uns den Überschuss in Form von Dividenden zurück. Das Prinzip ist das gleiche:

Ersparnisse und Investitionen sind der Schlüssel zu Wohlstand.

Kommen wir nun zum Thema Schulden. Schulden können, müssen aber nicht zu Wohlstand führen. Während es klar ist, dass Ersparnisse und Investitionen zu Wohlstand führen, hängt es bei Schulden davon ab, wofür das geliehene Geld verwendet wird, ob sie zu Wohlstand führen oder nicht. Aber dazu kommen wir noch. Um überhaupt Schulden machen zu können brauchen wir eine zweite Person: für jeden Kreditor brauchen wir einen Debitor. In der Geschichte von Robinson Crusoe – um in der Klischeewelt des weißen Mannes zu bleiben – heißt der Debitor Freitag. Zu Anfang sammelt Freitag Beeren – genau wie Robinson. Freitag sieht, wie Robinson mit seinem Beeren-Kescher viel schneller Beeren sammelt und möchte auch so einen Beeren-Kescher haben wie Robinson. Er könnte jetzt ebenso wie Robinson 4 Tage 10 Stunden am Tag Beeren sammeln und mit dem Überschuss dann am 5. Tag einen Kescher bauen. Andernfalls könnte er nach vier 10-Stunden-Tagen einen der Kescher, die Robinson inzwischen gebaut, von ihm hat kaufen. Noch eine Möglichkeit wäre es, dass Freitag zu Robinson geht und ihn darum bittet, ihm 80 Beeren zu leihen, damit er sich sofort den Beeren-Kescher bauen kann. Genauso könnte er sich den Kescher auf Pump kaufen. Einerlei: Robinson verpflichtet Freitag in beiden Fällen dazu, dass dieser ihm in der nächsten Woche 160 Beeren zurückgeben muss. Der Grund dafür ist einfach: würde Robinson die Beeren behalten und so selbst einen Tag freinehmen, könnte er selbst etwas neues bauen oder an etwas arbeiten, das ihm auch 160 Beeren oder eben andere Produkte einbringt. Er will demnach einen Ausgleich für seinen Nutzenausfall. Freitag bedenkt nun seine Möglichkeiten:

  • Möglichkeit 1: Er könnte selbst 4 Tage lang 10 Stunden arbeiten und so pro Tag 20 Beeren sparen und am fünften Tag den Kescher bauen und ab dann am 6. Tag 150 Beeren sammeln. Er würde so am Ende auf 150-80 = 70 Beeren kommen. 150 – 80, weil er ja an Tag 5, an dem er den Kescher baut 80 Beeren isst und am 6. Tag dann 150 sammeln kann.
  • Möglichkeit 2: Er könnte 80 Beeren heute borgen und direkt den Kescher bauen. So könnte er direkt am 2. Tag 150 Beeren sammeln und so jeden Tag 150-80 = 70 Beeren sparen. Er könnte also in den folgenden 5 Tagen (2.-6. Tag) insgesamt 350 Beeren ansparen, Robinson 160 Beeren zurückzahlen und hätte so immer noch 190 Beeren für sich übrig.

Es leuchtet ein, dass Möglichkeit 2 vernünftiger erscheint, da Freitag so am Ende des 6. Tages 190 Beeren, im Fall von Möglichkeit 1 aber nur 70 Beeren hätte. Sagen wir, Freitag lässt sich auf den Handel ein und sichert Robinson 80 Beeren Zinsen zu – also 100 % pro Woche – was natürlich ausgesprochen hoch ist. Dies ist ein Beispiel dafür, dass Schulden durchaus sinnvoll sein können. Was wäre nun aber, wenn Freitag sich selbst keinen Notvorrat angespart hat und genau morgen krank würde, also an dem Tag, an dem er sich den Beeren-Kescher bauen wollte? Weil er krank war, könnte er sich nun keinen Kescher mehr bauen ohne zu verhungern. Trotzdem würde der Vertrag mit Robinson gelten. Nun könnte er selbst, wenn er vom 2.-6. Tag jeden Tag 10 Stunden arbeitet die 160 Beeren nicht zurückzahlen, weil er in den 6 Tagen insgesamt nur 120 Beeren ansparen könnte. Freitag würde so insolvent und zahlungsunfähig (aus diesem Grund braucht man z.B. Versicherungen). Die 4. Regel ist also:

  • 4. Schulden bedeuten Risiko, können aber die zukünftigen Einnahmen erhöhen, sofern sie vernünftig investiert sind!

Tatsächlich finanzieren viele Firmen Investitionen über Schulden, mit der Absicht ihre zukünftigen Einnahmen zu steigern. Natürlich können Schulden auch unproduktiv genutzt werden. Angenommen, Freitag möchte sich eine Hütte bauen oder sich einfach einen Tag freinehmen. Angenommen, es dauert eine Woche, sich eine Hütte zu bauen und nehmen wir weiterhin an, Robinson ist bereit, Freitag die 560 dazu nötigen Beeren zu leihen, erwartet dafür jedoch nun wöchentliche Zahlungen über die nächsten 6 Monate von z.B. 60 Beeren. Robinson investiert seine Beeren – die er andernfalls hätte nutzen können, um sich Zeit für eigene Projekte zu verschaffen – in ein zusätzliches Einkommen von 60 Beeren – Zinsen, die Freitag nun zahlen muss. Auf der anderen Seite muss Freitag nun Teile seines zukünftigen Einkommens für seinen gegenwärtigen Konsum (die Hütte) ausgeben. Mit anderen Worten: Freitag wird mehr zurückzahlen müssen, als wenn er cash gezahlt hätte. Dafür bekommt er die Hütte allerdings sofort. Die Beeren, die er Robinson zahlen muss, kann er nun nicht mehr in eine Steigerung seiner eigenen Produktivität investieren. Stattdessen hat Freitag Beeren, die er noch nicht gesammelt hat – und damit Teile seiner zukünftigen Einnahmen – zur Steigerung seines augenblicklichen Lebensstandards ausgegeben. Zur Not hätte Freitag immerhin die Hütte – als Sicherheit -, um einen Teil an Robinson zurückzuzahlen. Hätte Freitag sich die Beeren aber nun nur geliehen, um eine Woche Urlaub zu machen oder um mit weiteren Einwohnern der Insel zu spielen (und dabei zu verlieren), müsste Freitag nun immer noch Zinsen zahlen, hätte kein höheres Einkommen, weil er nichts investiert hätte – zum Beispiel in den Bau eines Beeren-Keschers, einer Angel oder eine Ausbildung. Er hätte nichts, keinerlei Sicherheiten, die er zur Not verwenden könnte, um einen Teil der Schulden zu begleichen. Robinson auf der anderen Seite hätte in jedem Fall einen zusätzlichen Einkommensstrom: man kann sagen: Freitag arbeitet zum Teil für Robinson, um seine Schulden zu bedienen. Robinson könnte nicht aufhören zu arbeiten, solange er der einzige Lebende auf der Insel ist. Sobald es aber weitere Bewohner gibt, kann er über ein System zum Wohlstandstransfer – Schulden – bei einer bestimmten Zahl Schuldnern (4: sagen wir Freitag, Samstag und Sonntag und Montag), die ohne Werkzeuge 10 Stunden pro Tag Beeren sammeln würden, ganz aufhören zu arbeiten.

Freitag oder die anderen Schuldner hingegen könnten nicht aufhören zu arbeiten, weil sie Robinson weiterhin Zinsen zahlen müssen.

Nun ist die Frage: Wer würdest du hier lieber sein? Robinson oder Freitag. Du kannst jedes Mal, wenn du mit Geld hantierst darüber entscheiden. Sparst du? Investierst du? Oder leihst du dir noch Geld dazu? Es ist wirklich genauso einfach. Der Rest sind Details.

Angenommen, ihr wollt wirklich wie Robinson sein:

  1. Dazu müsst ihr erst hart arbeiten und sparen (mehr einnehmen als ausgeben)
  2. So könnt ihr euch eine eiserne Reserve zusammensparen, die ihr, sobald sie groß genug ist,
  3. investieren könnt.
  4. So erhaltet ihr langsam ein Extra-Einkommen, das euch wohlhabend macht.
  5. Ihr könnt euch früher zu Ruhe setzen und nur noch am Strand sitzen.

Schritt 5. geht nicht vor Schritt 4. und Schritt 4. nicht vor Schritt 3. So ist es eben. Alles fängt damit an, dass ihr mehr Geld spart als ihr ausgebt: ohne das ist alles Essig.

Ich habe hier nichts mehr weiter über Schulden, als weg zum Wohlstand geschrieben. Der Grund ist, dass Schulden ein anspruchsvollerer Weg zum Wohlstand sind. Und, er ist optional (ich würde ihn so gut wie möglich zu vermeiden versuchen). Schulden sollten allerdings meiner Meinung nach nie als Möglichkeit für den Konsum genutzt werden.

Durch Schulden kann man sich schnell in große Gefahr begeben. Lasst uns eben noch einen Blick darauf werfen, wie Schulden in unserer Gesellschaft funktionieren. Es wird ja immer üblicher, größere Ausgaben per Ratenzahlung zu finanzieren, also über Schulden. Es wird immer seltener der Preis, sondern eher die monatliche Rate verhandelt. Das gilt für Häuser und für Autos sowieso. Aber auch immer häufiger für Möbel, Computer, Handys, Urlaube usw. usw. Mit der Kreditkarte in der Hand kann man praktisch alles auf Pump kaufen. Es funktioniert daher in unserer Gesellschaft ungefähr so: die Robinsons wissen, dass die Freitags 100 Beeren (bzw. x Euro) am Tag sammeln (verdienen) können, dass sie also 20 Beeren Überschuss produzieren können. Das bedeutet, die Robinsons versuchen den Freitags der Gesellschaft mindestens so viele Konsumgüter auf Pump anzudrehen, dass sie diese 20 Beeren am Tag zur Bedienung ihrer Schulden ausgeben müssen. Wäre der Zins z.B. 2% pro Tag, dann könnten die Freitags in dieser Gesellschaft insgesamt 1000 Beeren leihen. Man müsste nun nur noch einen Kult um neue Kleider, Hütten, Boote etc. installieren und allen suggerieren, das wäre cool und nötig. So könnten die Freitags dann neue Hütten, Kleider, hübsche Boote usw. bekommen und würden so „ihre eigene Zahlungsfähigkeit maximal nutzen“ (= sich maximal ausnutzen lassen). Die Freitags wären somit abhängig von den Robinsons. Man könnte sagen, sie wären effektiv Sklaven ihrer Schulden (und damit der Robinsons). Es wird für sie schwer, aus den Schulden wieder herauszukommen, weil 1. kein Geld da wäre, das in Gehaltssteigerung (z.B. den Bau eines Keschers) investiert werden könnte, und 2., auch wenn sie noch eine Stunde mehr am Tag arbeiten würden, würde es sehr lange dauern, bis sie die 1000 Beeren abgezahlt hätten. Die ganze Geschichte illustriert, wieso kreditkartenfinanzierter Konsum eine schlechte Idee ist. Die beste Lösung ist es hier, gar nicht erst der ersten Versuchung – frei verfügbaren Gelds auf dem eigenen Konto – zu erliegen. Aber so in etwa funktioniert die Welt augenblicklich. Viele von uns haben einige Ersparnisse, einige Investitionen, aber auch viele haben die ganze Zeit Schulden. Was den einen reich macht, macht den anderen arm. Es liegt an den unterschiedlichen Möglichkeiten, die wir wählen, wenn es ums Arbeiten, Sparen, Ausgeben, Investieren und Schulden machen geht.

Original veröffentlicht am: 22. Jan 2013 @ 09:15. Überarbeitet am 28. Mar 2016 @ 12:20

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