Ilona von fuereinebesserewelt.info hat einen Artikel zum Thema “Chinesische Taktiken für geschickte Campaigner” geschrieben, der zwar interessant ist, dem ich inhaltlich jedoch kaum zustimme. Sie bezieht sich darin auf ein Buch von Andreas Graf von Bernstorff der jahrelang Kampagnen für Greenpeace organisiert hat und dafür Anleihen aus Sun Tzus Strategien aus “Die Kunst des Krieges” macht. Das ist zwar eine interessante Perspektive, aber ich stimme ihr nicht zu. Ja, ich halte sie als moralisches Fundament für Campainger für ungeeignet.
Laut der Legende von Sun Tzus schrieb er seine Lehren auf, nachdem er einen Krieg des Königreichs Wu gegen das Königreich Chu gewann. Das besondere daran ist, dass Chu Wu militärische haushoch überlegen war. Sun Tzu kommandierte an die 33.000 Wu-Soldaten und Chu 300.000 Soldaten. Sun Tzu konnte den Krieg durch strenges Befolgen seiner später in “Die Kunst des Krieges” niedergeschrieben Strategien dennoch gewinnen.
Entscheidend ist aus meiner Sicht nicht, dass Sun Tzus Strategien nicht funktionieren – denn sie tun es zweifellos (nicht wenige Kriege wurden aufgrund der Befolgung Sun Tzus Strategien gewonnen und nicht wenige Kriege wurden verloren, da Sun Tzus Strategien missachtet wurden) – jedoch hängt es davon ab, was man erreichen will. Zum “Gewinnen” taugen Sun Tzus Strategie. Aber geht in Kampagnen wirklich ums grundsätzlich ums “Gewinnen”?
Entscheidender für die Eignung Sun Tzus Strategien für moderne Kampagnen ist, was nach dem Krieg zwischen Wu und Chu passierte: Laut der Legende von Sun Tzu zog sich dieser angewidert von der Habgier und der Niederträchtigkeit mit der, der König von Wu nach dem Sieg über Chu dessen Städte und Besitz übernahm und ausnahm aus der Öffentlichkeit zurück.
Ich räume ein, dass Bernstorff die Anwendung der Strategien Sun Tzus so modifizierte, dass etwa auch das Publikum als Ziel verstanden wird: durch inszenierte “Show-Kämpfe”, soll die Aufmerksamkeit der Menschen erregt und das Nachdenken angestoßen werden. Aber ist da eine gewaltige, konfliktbeladene Inszenierung das richtige Mittel? Ich denke nicht.
Ich werde jetzt erklären, warum ich nicht Bernstorffs Meinung bin und ich auch eine Orientierung an Sun Tzus Strategie, auf die sich Bernstorff bezieht für das Campaigning für verirrt halte.
Ich zitiere einmal ein paar Punkte, die Ilona über Bernstorff schreibt:
(1) “Ein guter Campaigner darf seine Kampagne nie scheitern lassen.”
“Also der Tatsache, dass man als guter Campaigner eigentlich niemals, niemals, niemals eine Kampagne scheitern lassen darf. Nicht, dass sie nicht tatsächlich gescheitert wäre, weil man die Ziele, die man sich (intern) gesteckt hat, nicht erreicht. Aber in der Öffentlichkeit, so von Bernstorff, muss man die »Interpretationshoheit« über den Ausgang der Sache behalten. Mit anderen Worten: Es muss von außen gesehen immer so erscheinen, als sei man ans Ziel gelangt.”
Das erinnert mich stark an das, was viele politische Parteien nach verlorenen Wahlen tun: Letztlich behaupten sie fast immer sie hätten gewonnen und sei das auch noch so lächerlich bzw. selbstbetrügerisch. Aus meiner Sicht ist gerade das, was im Kern alle Kampagnen betreffen sollte: eine Auflösung von Betrug bzw. Selbstbetrug bzw. eine Annäherung an die Wahrheit – den letztlich resultieren alle Konflikte aus einer Art Betrug gegen jemanden oder als Selbstbetrug in Form einer Verleugnung wahrer Fakten, mit denen man sich Fehlhandlungen schön oder Konsequenzen ausgebliebenen Handelns kleinredet.
Ich finde nicht, dass es ehrlich ist anderen Gegenüber das eigene Versagen als Sieg auszulegen und ich meine Wahrheit sollte einem als Campaigner am Herzen liegen – andernfalls hat man seinen Job verfehlt, meine ich. Um z.B. die Wahrheit dessen, dass “der noch legale Giftmüllexport eigentlich Giftschieberei ist”, dass “sich die Banker unberechtigt durch die Finanzkrise bereichert haben” oder dass “das Herunterschrauben der Solarstromförderung ein Fehler war” – oder worum es einem Campaigner auch sonst gehen mag – zu vermitteln, muss er zu allererst selbst ehrlich sein.
Diese Wahrheit bzw. ihre Vermittlung nun aber dadurch zu verdünnen, dass man sich im Falle einer nicht so erfolgreichen Kampagne dennoch als Sieger portratiert, halte ich weder für zielführend noch für redlich, noch für glaubwürdig. Nicht wenige werden denken: “Und wenn sie/er schon darin unaufrichtig ist – worin dann vielleicht alles noch?”. Was sonst als seine Glaubwürdigkeit hat ein Campaigner überhaupt?
Daher würde ich eher davon abraten sich selbst als Sieger darzustellen, wenn man das nicht auch wirklich war. Wenig spricht jedoch dagegen seinen Fortschritt zu feiern, auch wenn man vielleicht hinter idealen Zielvorstellungen zurückgeblieben ist. Das kann man jedoch auch so kommunizieren und mit der Absicht verknüpfen in Zukunft sich noch verbessern bzw. noch mehr erreichen zu wollen.
(2) “Zur Not muss man sich einen Gegner konstruieren.”
“Er muss »Gegner« konstruieren, um die politischen Entscheidungen herbei zu führen, um die es ihm eigentlich geht. Da muss dann auch schon mal ein Unternehmen für herhalten, das eigentlich gar nicht zu den »Schlimmen« gehört. Das sich aber unter Druck setzten lässt (etwa, weil es im Vergleich zu den wirklich »Schlimmen« auf seinen guten Ruf bedacht ist).”
Wenn es darum geht einen Missstand zu verändern, muss man gegen diesen Vorgehen und nicht stellvertretend gegen jemand anderen. Das wirkt auf mich sonst in etwa so wie folgende Geschichte:
Ein Polizist trifft nachts auf jemanden, der angetrunken etwas unter einem Laternenpfahl sucht. “Was suchen Sie denn?”, fragt ihn der Polizist. “Meinen Autoschlüssel”, gibt der Suchende zurück. “Na, dann will ich Ihnen mal helfen!”, spicht der Polizist und macht sich daran dem anderen zu helfen. Nach einer ganzen Weile fragt dann der Polizist: “Wo in etwa haben Sie denn den Schlüssel fallen lassen?”. “Da hinten”, antwortet der andere und deutet in einen dunkeln Winkel am Ende der Staße. “Ja, aber warum suchen Sie denn dann hier?”, fragt der Polizist. “Weil hier Licht ist, dorthinten ist es viel zu finster.”, gibt der Suchende zurück. (Paul Watzlawick: Der verlorene Schlüssel oder „mehr desselben“)
Um etwas zu erreichen müssen wir uns schon mit dem tatsächlichen Problem und nicht mit einem Stellvertreter auseinandersetzen. Einen Gegner zu suchen, der es auch falsch macht, der sich aber leichter beeinflussen lassen mag, ist vielleicht dennoch keine falsch Strategie – aber jemanden zu suchen, der nur auf jeden Fall reagiert, halte ich für falsch.
(3) Das Konfliktverständnis. (ohne Zitat)
Der fatalste Fehler liegt für mich jedoch im zugrundeliegende Verständnis dessen, was ein Konflikt ist. Ein Konflikt wird gemeinhin als eine Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien mit gegensätzlichen Interessen aufgefasst, die sie versuchen so gut als möglich gegen die Interesse der Gegenpartei durchzusetzen.
Diesem Verständnis liegt z.B. das Werk “The Strategie of Conflict” von Thomas Schelling zugrunde, dessen spieltheoretischen Ergebnissen die Welt einige Male nahe an den Atomkrieg führten. Erstaunlicherweise bekam er 2005 dennoch den Wirtschaftnobelpreis (der im Übrigen gar kein Nobelpreis ist), was aus meiner Sicht als Beweis für die Verirrung der modernen Zeit betrachtet werden kann.
Was aber, wenn es gar nicht wahr ist, dass Konflikte allein aus gegensätzlichen Interessen hervorgehen? Was wenn ein Konflikt allein aus der Tatsache resulitert, das zwei Gegner jeweils die Motive ihres Gegenübers nicht völlig verstehen bzw. gar beide ein unvollständiges Bild von der Wahrheit (= wahren Fakten der Realität) haben und deswegen zu einer Differenz und von dort zu einem Konflikt kommen. Dieses Konfliktverständnis enthält die Forderung, man möge ihn so bereinigen, dass beide Parteien ihr unvollständiges Bild ergänzen.
Der Begriff der Wahrheit wird in unserer Kultur oft als etwas relatives empfunden – jemand “hat sie gepachtet” oder “nimmt sie für sich in Anspruch”. Was ist aber, wenn wir die Wahrheit als das begreifen, was uns die Realität an Unumstößlichkeiten präsentiert, über die wir uns nicht dauerhauft hinwegsetzen können? Damit erhält die Wahrheit etwas Absolutes. So sahen es zumindest Ghandi und Marthin Luther King. Und das sollten eher die Menschen sein, deren Lehren wir beachten sollten, wenn es um die Beilegung von Konflikten geht und weniger die Schellings und Sun Tzus.
Was nun, wenn also die Auflösung eines Konfliktes eigentlich darin bestehen müsste erst einmal unsere gegenseitigen Weltbilder, unsere gegenseitigen Bedürfnisse und Forderungen in Ordnung zu bringen?
Dazu bedarf es einer echten Interaktion. Nicht bloß einem Reagieren aufeinander. Dass, was wir in der Regel anstreben sind Kompromisse, die jedoch den zugrundeliegenden Konflikt nicht lösen, was heißt, dass es keine richtigen Lösunge sind. Wenn man jedoch einen Konflikt nach der Lesart Ghandis angeht, sollte man sich nicht wundern, wenn sowohl das Problem, als auch die Lösungen am Ende ein vollig anderes Aussehen haben, als zu Anfang.
Energieversorger vs. Umweltschutzorganisation.
Nehmen wir einen Energieversorger. Dieser möchte nun ein Kraftwerk in einer Region bauen, die aus Umweltgründen besonders schützenswert wäre.
Nun könnte sich auch die Umweltschutzorganisation durchsetzen und den Bau verhindern. Andersherum könnte sich der Energieversorger durchsetzen und das Kraftwerk einfach bauen. Ein Kompromiss nach der Lesart der Spieltheorie wäre, dass man das Kraftwerk baut, dafür aber einen Teil der Profite in den Schutz anderer Gebiete zu investiert.
Der Hintergrund des Konfliktes bleibt jedoch unklar und damit ungelöst. Aus meiner Sicht sehe er in diesem Fall folgendermaßen aus: Wir alle glauben, dass wir viel Strom brauchen, um ein glückliches Leben zu leben, zum anderen glauben wir aber auch, dass der Schutz der Umwelt wichtig ist. Gleichzeitig glauben wir, dass Spezialisierung und Arbeitsteilung in allen Belangen die beste Strategie ist – ohne Rücksicht darauf, dass unsere in vielen Gebieten dadurch immer kleiner werdenden Kenntnisse einen immer beschränkteren Blick auf die Welt (= auf die Wahrheit) ermöglichen. Darum gibt es Insitutionen, die uns einerseits zentral mit Energie versorgen und andererseits gibt es Instiutionen, die uns (durch unsere Spende) helfen etwas für unsere Umweltüberzeugungen zu tun.
Wie würde könnte nun eine echte Lösung aussehen? Vermutlich so,
- dass wir Energie selbst und lokal herstellen (in dem wir uns z.B. eine Solaranlage auf unser Dach, Balkon oder Carport bauen)
- dass wir uns klarmachen, dass wir so und so viel Energie verschwenden und lernen, dass wir mit weniger vermutlich sogar glücklicher sein könnten
- dass wir selbst direkt unseren Teil für die Umwelt tun könnten, indem wir unseren kleinen Garten vor der Tür in ein kleines Biotop für Kleintiere und nebenbei vielleicht sogar für etwas eigenen Gemüseanbau verwandeln. Alternativ könnte man im Rahmen anderer Initiativen sich engagieren konkret die Landschaft “Umwelt” wieder zu regenerieren.
Das Bild des Konfliktes ursprünglichen Konflikts (Energieversorger vs. Umweltschutzorganisation) hat also am Ende nichts mehr mit dem zu tun, wofür wir ihn gehalten haben. Letztlich waren sogar die Kontrahenten beide nur Stellvertreter. Letztlich liegt seine Auflösung in diesem Fall nicht in einer Kampagne, sondern darin, dass wir mit uns selbst ehrlich sind – also etwas mehr Wahrheit in unser Leben lassen. Dazu könnte aber wiederum eine Kampagne animieren! Hierzu hat Ghandi in seiner Lehre Satyagraha Regel aufgestellt.
Aus meiner Sicht sollten Kampagnen im Kern also darauf abzielen: den Menschen zu helfen ihre Weltbilder selbst in Ordnung zu bringen – durch echte Interaktion – ohne spezialisierte Instutionen, die selbst aus einem falschem Weltbild resultieren mögen. Und letztlich sollte sie auf das Stimulieren konkreter Aktivitäten und Lebensstiländerungen abzielen und nicht allein auf das Öffnen des Spendenbeutels (als modernen Ablaßhandel).
Auf die oben beschriebene Weise könnte man viele Konflikte analysieren und angehen. Ggf. ist meine hier vorgestellte Lösung auch nicht die einzig gültige. Sie illustriert jedoch, worum es gehen sollte: um einen offenen Umgang mit sich und den Elementen des Konfliktes. Im Übrigen ist diese Lösung nicht mir allein gekommen, sondern ebenfalls aus einer offenen Diskussion hervorgegangen. Als Mittel die Kommunikation einer solchen Diskussion so offen und ausgleichend wie möglich zu führen eignet sich in meinen Augen die gewaltfreie – genauer die einfühlsame Kommunikation. Doch darüber schreibe ich ein anderes mal.
Quellen: